Autor: Dr. Wolfgang Wettengel Mo. 20. Februar 2012 | 12:27 Uhr
Immer wieder werde ich gefragt, was die alten Ägypter unter der „Seele“ verstanden haben. Daher möchte ich in einigen der folgenden Blogbeiträge versuchen, dieser schwierigen Frage nachzugehen und etwas von den Geheimnissen aus der Perspektive der alten Ägypter zu lüften.
Wie in allen großen Kulturen, so war man auch im Land am Nil schon vor Jahrtausenden fest davon überzeugt, dass der Mensch nicht nur ein materielles Wesen ist, sondern auch eine Seele besitzt – genauer gesagt: sogar mehrere! Unter der Seele verstanden die pharaonischen Priestergelehrten somit etwas anderes wie wir heute. Sie besteht aus mehreren Komponenten: Ba, Ka und Ach. Auch das Herz spielt als seelische Instanz eine wichtige Rolle. Dann kennen wir da noch den „Schatten“. Auf diese „Bestandteile“ der Seele möchte ich eingehen, bevor wir weitere Schlüsse über das Wesen des Menschen ziehen können.
Als erstes wäre da der Ba. In unserer Gedankenwelt gibt es allerdings nichts Vergleichbares zu diesem ägyptischen Begriff, das macht das Verständnis für uns nicht gerade einfach. Wir müssen daher versuchen, das Wesen des Ba direkt aus der Vorstellungswelt der alten Ägypter abzuleiten.
In der ägyptischen Kunst z.B. kann die Ba-Seele abgebildet werden. Wir finden sie oft auf Totenstelen oder Grabmalereien. Die Art der Darstellung des Ba hilft uns sehr, sein Wesen verstehen zu können. Er ist eine Art Vogel mit Menschenkopf. Die Vogelgestalt verweist auf die Möglichkeit einer völlig freien Beweglichkeit der Ba-Seele. Der Kopf dieses Seelenvogels trägt immer die Gesichtszüge des Menschen, zu dem der Ba einst zu Lebzeiten gehört hat. Wir erschließen daraus, dass die Ba-Seele der Träger des individuellen Bewusstseins ist, welches das „Ich“ beinhaltet. Und wie dieses wird er erst mit dem Menschen geschaffen und im Leben allmählich geformt.
Vom Ba ist überliefert, dass er bei Bewusstlosigkeit oder Ohnmacht den Menschen vorübergehend verlassen kann und dabei aus dem Körper austritt. Wenn man stirbt, so verlässt der Ba die körperliche Hülle endgültig. Er kann aber zurückkehren, wenn der Verstobene mumifiziert wurde und geschützt in einem Grab liegt. Dies zeigt uns, dass für den Ägypter Körper und Seele über den Tod hinaus zusammen gehörten. Eine Verbrennung des Körpers oder Leichenschändung durch Grabräuber ist aus dieser Sicht geradezu eine Horrorvorstellung! Denn dies würde der Ba-Seele den Ruhepol nehmen, den Anker, durch den der Mensch über den Tod hinaus mit dem einstigen irdischen Sein verbunden bleiben soll. Denn dies erhält die Erinnerung an die einstmals irdische Existenz und die Identität über den Tod hinaus.
Durch den Tod änderte sich für den Ägypter alles radikal. Der Mensch zerfällt, und zwar nicht nur körperlich. Es drohen auch die einzelnen seelischen Komponenten zu zerfallen. Die Einheit der Person geht verloren – ebenfalls eine Horrorvorstellung! Daher mussten die verschiedenen seelischen Bestandteile durch den Grab- und Totenkult zusammengehalten werden. Um dies möglich zu machen, bedarf es eines intakten Grabes, das wie eine Art Mechanismus auf kultisch-magische Weise funktioniert. Und es bedarf des Körpers, der Mumifizierung, denn die Seelenbestandteile des Toten brauchen nach dem Tode einen Fixpunkt.
Der Ba aber ist nicht die einzige Seelenkraft gewesen. Eine weitere wichtige Komponente war der Ka. Hiervon gibt es ein schönes Bild in der Grabkammer von Tutanchamun. Über den Ka werde ich in einem der nächsten Blogbeiträge schreiben.
Ihr Dr. Wolfgang Wettengel
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