Ägypten vor seiner größten Herausforderung

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mo. 31. Januar 2011 | 12:44 Uhr



Eigentlich wollte ich diese Woche aus aktuellem Anlass etwas über den seit langem schwelenden Streit über die Büste der Nofretete und über das Problem der Rückgabe von Kunstschätzen schreiben. Ein Streit, der durch die energische Forderung des Chefs der ägyptischen Antikenverwaltung, Zahi Hawass, wieder ausgebrochen ist. Doch hat sich das Thema im Moment wohl erübrigt. Ägypten ist urplötzlich von seiner sozialen und politischen Realität eingeholt worden.

Ich kenne die Ägypter als besonnenes Volk. Doch im Moment schaut es anders aus. Wir sehen Bilder von Demonstrationen mit Hunderttausenden von wütenden Menschen. Regierungsgebäude und Behörden werden gestürmt, die Situation ist in Kairo über Nacht völlig außer Kontrolle geraten. Niemand von uns hätte so etwas noch vor wenigen Tagen geahnt. Ich möchte hier keine Analyse bringen, sondern nur die wichtigsten Gründe nennen, welche die ansonsten duldsamen Menschen in Ägypten zu den wütenden wie verzweifelten Ausbrüchen brachten. Ägyptens Bevölkerung ist im Durchschnitt zur Hälfte unter 30 Jahre alt, also sehr jung für unsere Verhältnisse. Die Konsequenzen dieser Bevölkerungsexplosion können wir uns kaum vorstellen. Viele finden keine Arbeit, die gut Ausgebildeten wandern in Heerscharen aus. Die Löhne im Land sind oft mehr als mickrig, doch steigen dafür die Preise für Lebensmittel rapide. Neben den 40% der Menschen, die in oft ärmsten Verhältnissen leben, gibt es viele Superreiche. Und viele davon haben sich nicht durch eigene Tüchtigkeit, sondern durch Vetternwirtschaft und Korruption bereichert. Man wirft der Regierung vor, nichts dagegen getan zu haben. Im Gegenteil nutzten viele ihre Ämter dazu, um sich mehr oder weniger illegal zu bereichern. Vor allem dieses Faktum macht viele Ägypter so wütend.

All diese Dinge sind längst bekannt. Wer aber wird, wer kann überhaupt die Probleme Ägyptens lösen? Korruption lässt sich bekämpfen. Man muss es nur wollen. Auch eine gerechtere Sozialpolitik ist machbar. Doch erinnere ich mich, wie oft mir bei meinen Ägyptenreisen auffiel, dass hier ungeheuer schnell viele Wohnungen aus dem Boden schießen. Für die rasant wachsende Bevölkerung war das nie genug. Eine künftige Politik, die sozial gerechter sein muss, steht dennoch vor der Aufgabe, all die Schwierigkeiten zu bewältigen, die durch ungeheueren Bevölkerungsdruck entstanden sind und weiter entstehen.

Nicht nur, dass jetzt die Lage in Kairo völlig instabil geworden ist. Am Wochenende machten Plünderungen und Vandalismus nicht mehr vor den Kulturschätzen im Ägyptischen Museum in Kairo halt. Das Museum in Memphis, südlich von Kairo gelegen, wurde mittlerweile ausgeraubt. Bis vor kurzem war so was unvorstellbar! Zwei Mumien sind im Ägyptischen Museum geköpft worden. Und wie ich in einem Film von al-Dschasira sehen konnte, wurden mindesten zehn unwiederbringliche Kunstgegenstände verschiedener Epochen aus Vitrinen gerissen und schwer beschädigt. Laut der ehemaligen Museumsleiterin Wafaa el-Saddik sollen das die eigenen Leute gewesen sein, die (schlecht bezahlten) Wächter und Polizisten des Museum. Einige von den Polizisten haben offenbar ganz schnell ihre Jacken ausgezogen, um nicht als solche erkennbar zu sein. Eine zweite Gruppe der Täter sei dann von hinten über eine Feuerleiter durch die Dachfenster eingestiegen. Die Zerstörungen sind alle im ersten Stockwerk, wo sich auch der Schatz des Tutanchamun mit der Goldmaske befindet. Hier scheinen einige der vergoldeten Götterfiguren von Tutanchamun (sie sind in unserer Ausstellung auf dem großen, ovalen Tisch zu sehen!) beschädigt worden zu sein. Das ägyptische Museum ist nicht einmal versichert! Doch haben junge Leute in einer beherzten Initiative eine Kette um das Museum gebildet, um das wertvolle Erbe aus dem alten Ägypten zu bewachen. Kent Weeks, Ägyptologe und Ausgräber im „Tal der Könige“, berichtet mittlerweile von Gerüchten, dass Anschläge auf die berühmten Stätten des archäologischen Weltkulturerbes geplant sein sollen.

Das alles hört sich nicht gut an. Mein Wunsch ist, dass Ägypten rasch friedlich zu einer vernünftigen Lösung finden wird.

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Dr. Wolfgang Wettengel



Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung