Ägyptens schwieriger Weg

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mo. 30. Januar 2012 | 16:44 Uhr



Das Engagement der jungen Generation Ägyptens, die in den Bildern unserer Gastausstellung „To Egypt with Love“ zum Ausdruck kommt, löst einen Schub an Kreativität ägyptischer Künstler und Intellektueller aus. Den Geist der „Facebook-Generation“ spürt auch der Besucher unserer Sonderausstellung in Frankfurt.

Nun ist am Samstag das amtliche Endergebnis der ersten freien und demokratischen Wahlen in Ägypten nach der Ära Mubarak bekannt gegeben geworden. Als klarer Sieger mit zusammen etwa 70% gingen laut Presseberichte die religiös motivierten Parteien hervor. Die liberalen Parteien erreichten 15%. Doch von den Millionen Menschen, die in den Bildern und Fernsehreportagen die Szenerie am Tahrir-Platz beherrschten, findet sich im Wahlergebnis kaum ein Niederschlag.

Woran liegt das? Die Wahlen werden auch in Ägypten nicht von einer dünnen intellektuellen Schicht entschieden. Und außerhalb Kairos gehen die Uhren sowieso völlig anders. Nicht nur in Ägypten macht sich nach der Begeisterung nun zunehmend Ernüchterung breit, auch Sorge um die Zukunft. Ob das gut organisierte Militär bereit ist, seine Macht abzugeben, wenn sich Unruhen verstärken sollten, muss sich erst noch zeigen. Neue Erschütterungen könnten dann die Folge sein.

In den vergangenen Jahren hat das Land mehr und mehr eine konservative Rückbesinnung auf islamische Werte erlebt. Die Muslimbrüder sind mit etwa 45% klarer Sieger der Wahl. Doch aus sie werden nicht umhin können, die enormen sozialen Probleme des Landes anzugehen. Dabei bleibt zu hoffen, dass sie nicht der Versuchung unterliegen werden, für alles und jedes „ausländische Mächte“ verantwortlich zu machen, um von inneren Schwierigkeiten abzulenken. Denn die größten Probleme Ägyptens sind hausgemacht. Sie lauten: Überbevölkerung, Korruption und soziales Ungleichgewicht. Die Einwohnerzahl wächst seit vielen Jahren schier unüberschaubar, über 81 Millionen sind es derzeit, während Wirtschaft und Lebensmittelproduktion nicht Schritt halten können. Die landwirtschaftliche Nutzfläche des fruchtbaren Niltals, einst die Kornkammer des Römischen Imperiums, ist jetzt viel zu klein und kaum ausweitbar, da auf unfruchtbarem ägyptischen Wüstenboden nichts wächst, selbst bei Bewässerung. Und die Zahl der Analphabeten im Lande ist nach wie vor enorm hoch.

Wer immer das Land regieren wird, der muss in der Lage sein, ausreichend Lebensmittel zu beschaffen. Ohne Unterstützung des Westens wird das auch in Zukunft wohl kaum möglich sein. Dass die Krise in Europa die außenpolitischen Aktivitäten lähmt, geschieht zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn in Ägypten und Nordafrika werden jetzt wichtige Weichen für die Zukunft gestellt. Doch letztlich müssen die Ägypter über ihre Politik entscheiden und die Zukunft ihres Landes gestalten. Unser Appell an die engagierten jungen Menschen lautet daher: Bleibt am Ball und gebt das Ziel nicht auf, euch für eine selbstbestimmte, bessere Zukunft einzusetzen!

Ihr Dr. Wolfgang Wettengel

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Dr. Wolfgang Wettengel



Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung