Autor: Dr. Wolfgang Wettengel Do. 21. April 2011 | 11:47 Uhr
Oft liegen elementare Wurzeln unserer Kultur mehrere Jahrtausende in der Vergangenheit. Das Thema „ägyptische Götter“ ist hier immer wieder eines der interessantesten Kapitel, die das Land am Nil zu bieten hat, um mehr über uns selbst zu erfahren. Da das Osterfest vor der Tür steht, möchte ich heute wieder einen Blick hinter die Kulissen der Vergangenheit tun.
Der Gedanke der Auferstehung ist uralt. Er geht auf vorchristliche Zeiten zurück. Im alten Ägypten war er neben dem Sonnenkult vor allem mit der Gottheit Osiris verbunden. Osiris – der Herrscher der Unterwelt. Welches Geheimnis verbirgt sich hinter diesem Gott? Dargestellt wird er als Mumie mit königlichen Insignien. Seine Hautfarbe kann blau sein, grün oder schwarz, was ihn als Nil-, Vegetations- und Erdgott ausweist.
Aus der Überlieferung erfahren wir schließlich, dass Osiris von seinem eigenen Bruder Seth grausam getötet worden ist. Seiner Schwester, der Muttergottheit Isis, gelingt es aber, Osiris wieder zu neuem Leben zu erwecken. Osiris steht von den Toten auf. Allerdings nicht mehr im Diesseits, sondern verklärt im Jenseits, und dort wird er Herrscher über die Toten. Das erklärt seine Gestalt als Mumie.
Was aber bedeutet die merkwürdige Verbindung des Gottes Osiris zur Vegetation? Hier hilft uns zunächst einmal ein Ritualobjekt weiter, das von Howard Carter im Grab Tutanchamuns gefunden worden ist. Es ist eine Art Mini-Beet, das die Mumienform des Osiris aufweist und den Gott repräsentiert. Es veranschaulicht bildlich das Geheimnis der Auferstehung des Osiris und funktionierte einst folgendermaßen: Anlässlich der Osiris-Feiern gab man dunkle Erde und Getreidekörner in dieses mumienförmige Beet. Dann hat man es mit Nilwasser begossen, so dass das Getreide aufsprießt. Dieser „Kornosiris“ ist übrigens in unserer Ausstellung zu sehen.
Was sich aber hinter dem einfachen Bild des Gleichnisses vom Korn verbirgt, ist das große Geheimnis von Leben und Tod. Osiris muss sterben, so wie alles Leben vergeht, er steht aber wieder von den Toten auf. Der Gott Seth verkörpert dabei die Kehrseite, den dunklen „Bruder“ des Lebens. Dies ist das Böse, den Tod. Doch so wie aus dem toten (abgeernteten) Korn wieder neues Leben entspringt, so ist auch die elementare (göttliche) Kraft Lebens letztlich unbesiegbar. In dieser Gedankenwelt wurzelt das christliche Osterfest. Es dürfte damit kein Zufall sein, dass bei uns das Osterfest ins Frühjahr fällt, wenn nach der tödlichen Kälte des Winters alles Leben wieder zurückkehrt und die Saat auf den Feldern aufsprießt.
Manche Parallelen sind verblüffend. Das Gleichnis von der Auferstehung und dem Getreidekorn findet man im Neuen Testament in den Apostelbriefen, ganz ähnlich wie wir es hier aus der Überlieferung des Osiris kennen. Wir haben hier also eine großartige Gemeinsamkeit mit der Religion des alten Ägypten, die uns zudem hilft, uns selbst wieder besser kennen zu lernen.
Ein frohes Osterfest wünscht Euer Dr. Wolfgang Wettengel
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