Auf den Spuren unserer Vergangenheit

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mo. 21. Juni 2010 | 10:07 Uhr



Die Schlüssel zum Verständnis von Kultur sind Sprache und Schrift. Nicht anders ist es in der Forschung. Wenn uns Schrift und Zeichen einer alten Kultur nicht (mehr) bekannt sind, stoßen wir rasch an Grenzen. Dies fällt mir vor allem dann auf, wenn ich Ausstellungen besuche, in denen Kunstwerke zu sehen sind, über deren Schöpfer man so gut wie nichts weiss. Die wunderbaren Höhlenmalereien, die vor vielen Jahrtausenden erschaffen wurden, verraten uns wenig über die Denkweise jener hochbegabten Menschen dieser Zeit. Wenn wir heute davon ausgehen, dass es sich hier um einen Jagdzauber gehandelt haben dürfte, der die Beute in die Fänge der Jäger treiben soll und gleichzeitig die getöteten Tiere wieder auf magische Weise im unterirdischen Bereich der schöpferischen Erde neu erschaffen soll, so ist dies nicht mehr als eine plausible Vermutung. Um das Geheimnis der uralten Wandmalerei zu ergründen, fehlt uns einfach die Schrift!

Hier haben wir Ägyptologen es viel einfacher. Zwar wurde vieles aus dem alten Ägypten durch antike Autoren aus Griechenland oder Rom überliefert. Doch zu den Wurzeln der pharaonischen Kultur können wir erst seit knapp 200 Jahren vordringen. Es war die Leistung des jungen Sprachgenies Francois Champollion, der uns mit der Entzifferung der Hieroglyphen das alte Ägypten neu erschlossen hat. Schon einige haben es vor ihm versucht. Sie sind gescheitert, weil ihr Ansatz falsch war. Man glaubte an eine stumme Symbolschrift ohne Laute. Nicht so Champollion.

Als Soldaten Napoleon Bonapartes im Jahr 1799 bei einem Feldzug in Ägypten den Stein von Rosetta fanden, gelang der Durchbruch. Die drei Inschriften auf dem Stein waren in zwei Sprachen abgefasst: In hieroglyphisch-ägyptisch, in demotisch-ägyptisch und in einer griechischen Übersetzung. Da die griechische Sprache immer schon bekannt war, eröffnete sich nun endlich die Möglichkeit, die längst vergessene Hieroglyphenschrift zu entziffern. Ein Wettlauf der Gelehrten in Europa begann. Doch Champollion war am erfolgreichsten. Er hatte erkannt, dass ägyptische Königsnamen in Ringe eingeschrieben waren, den sogenannten Kartuschen. Diese verglich er mit den Königsnamen in der griechischen Übersetzung.

Seit Champollions Entzifferung der Hieroglyphen gewinnen wir ständig neue Erkenntnisse über das alte Ägypten hinzu. Eine davon erscheint mir besonders wichtig:
Nicht nur Griechenland und Rom, sondern auch das alte Ägypten hat viel zu den Fundamenten unserer Kultur beigetragen – viel mehr als bislang vermutet wurde.

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Dr. Wolfgang Wettengel



Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung