Der Fluch des Tutanchamun

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Di. 14. September 2010 | 11:42 Uhr



Jeder weiß es: Seit der Entdeckung von Tutanchamuns Grab und dem jähen Tod von Lord Carnarvon geistert ein böser Fluch aus dem Grab des jungen Pharao. Laut vieler Presseberichte schienen all die merkwürdigen Ereignisse um Tutanchamun, vor allem viele Todesfälle von Grabbesuchern, eine Folge dieses Fluchs zu sein. Für einige Schriftsteller entwickelte sich der Fluch sogar zu einem wahren Segen, was den Verkauf von Büchern und Illustrierten betrifft.

Wenn man als Ägyptologe in der Fachwelt ernst genommen werden will, sollte man gewisse Themen tunlichst vermeiden. Damit sollte ich mir eigentlich keine weiteren Gedanken mehr über den „Fluch des Pharao“ machen. Aber diese Ansicht teile ich nicht. Themenausgrenzung ist immer ein Zeichen von Unsicherheit. Meines Erachtens kommt es darauf an, wie man sich einem Thema nähert. Als Ägyptologe habe ich mich daher gefragt, wie solche Geschichten entstehen. Das ist tatsächlich ein ebenso interessantes wie spannendes und außergewöhnliches Phänomen.

Furcht vor der Störung der Totenruhe ist uralt. Viele Menschen glauben an eine Rache der Totengeister, wenn Frevel an einem Grab geschieht. Laut dieser Ansicht wären die Entdecker von Tutanchamun im Grunde nichts anderes als Grabräuber, auch wenn sie im Dienst der Wissenschaft auftreten. So lautete in der Tat der Vorwurf. Doch Howard Carter und Lord Carnarvon verdanken wir einen der wichtigsten archäologischen Funde. Was wäre aus dem Grab und seinen den Kunstschätzen geworden, wenn alles Räubern in die Hände gefallen wäre?

Aber der Fluch des Tutanchamun hat sich auf einem viel gewaltigeren kulturellen Hintergrund aufgebaut. Eine der Energiequellen dafür ist der Glaube an die übernatürlichen Fähigkeiten der Ägypter. Schon in der Antike war man davon überzeugt, das die pharaonischen Priester Macht über den Tod hatten. Heute, wo wir wieder die Schrift der alten Ägypter lesen können, finden wir in den Jenseitstexten und Totenbüchern tatsächlich ausführliche Schilderungen darüber, wie der Verstorbene den Tod besiegen kann. Selbst wenn mit dem Untergang des Pharaonenreiches vieles aus dem Land am Nil in Vergessenheit geriet, so lebte mit den Griechen und Römern über die Antike hinaus eine Erinnerung über die magischen Fähigkeiten der alten Ägypter fort. Übrigens nährt auch die Bibel bis heute diese Erinnerung. Im Alten Testament kann man nachlesen, wie Moses und die Magier des Pharao durch Zauberkraft ihre Stöcke in Schlangen verwandeln.

Als Napoleon schließlich vor gut 200 Jahren seinen legendären Feldzug in Ägypten begann und dabei zahlreiche Wissenschaftler im Schlepptau seines Heeres hatte, war Ägypten längst in das Blickfeld des Abendlandes geraten – als geheimnisvolles altes Wunderland! Nun begann ein beispielloses Interesse an der altägyptischen Kultur. Und ein ebenso beispielloser Abtransport von Altertümern, für die sich damals in Ägypten allerdings noch niemand interessiert hat. Dieser Abtransport von Antiquitäten wurde vor allem in esoterischen Kreisen und von einigen Schriftstellern mit Misstrauen wahrgenommen.

Im 19. Jahrhundert sind im Abendland als Reaktion auf die Ausbeutung vieler Gräber bereits die ersten Romane über unheilbringende Mumien entstanden. Die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun mit seinen unvorstellbaren Schätzen und der plötzliche Tod von Lord Carnarvon aber wirkten wie ein Kurzschluss. Darin vereinigten sich alle merkwürdigen Ereignisse um den Pharao und seine Entdeckung mit all den Erinnerungen, die wir über Ägypten als magisches, altes Wunderland am Nil haben. Nur ein unglaubliches Phänomen wie dieses kann weltweit den „Fluch des Tutanchamun“ auslösen.

Kommentare


Es wurden 2 Kommentare zu »Der Fluch des Tutanchamun « abgegeben:


luise


Di. 19. Oktober 2010 | 09:32 Uhr

ja das sehe ich genau so!


Roxana


Sa. 05. März 2011 | 10:09 Uhr

ich sehe es auch so .Tutanchamun finde ich total interessant.



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Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung