Autor: Dr. Wolfgang Wettengel Di. 26. Oktober 2010 | 10:59 Uhr
Dass viele zivilisatorische Errungenschaften älter sind als Rom oder das alte Griechenland und in Ägypten wurzeln, wird heute von immer mehr Menschen wahrgenommen. Denken wir nur an die Geometrie, die zur jährlich neuen Feldvermessung nach der Nilüberschwemmung benötigt wurde, an die Mathematik, oder an die Entwicklung von Kalender, Zeitmessung und Schrift. Wie bedeutend das pharaonische Erbe auch für unser soziales Leben ist, darüber wird allerdings noch wenig gesprochen.
Z.B. die Lehren. Im Land am Nil bildeten sie über viele Jahrhunderte einen wichtigen Eckpfeiler, das Gerüst für das Zusammenleben. Wenn Respekt vor Menschen und ihrem Tun eingefordert wurde, so basierte dies auf einem gesellschaftlichen Konsens, der in den Lehren formuliert wurde. Die Eliten aus Beamten und Priestern, die das Land leiteten, hatten laut dieser Lehren Zurückhaltung, Freundlichkeit, Unparteilichkeit, Selbstkontrolle und Unbestechlichkeit zu üben. Solch korrektes und auf Ausgleich bedachtes Verhalten, wie wir das heute nennen würden, nannte der Ägypter einfach nur: „Die Maat tun“. Ob leitende Persönlichkeiten oder einfache Leute, für alle galt, dass man als zivilisierter Mensch stets im Sinne der Maat handeln sollte.
Maat war ein zentraler Begriff der pharaonischen Philosophie. Die Maat galt als eine Tochter des Sonnengottes Re. Diese Nähe zur Sonne macht Sinn, denn Maat personifiziert das universelle Gleichgewicht aller Dinge und Kräfte, gewissermaßen die gesamte „sonnenhafte“ Weltordnung. Hinter diesem Wort verbirgt sich ein komplexes System, das sich an der Unveränderlichkeit der Sonne, ihrem zuverlässig-regelmäßigen Lauf und ihren lebensspendenden wie lichthaft-schöpferischen Potenzen orientiert.
Im menschlichen Bereich verkörperte die Maat das Recht, die Wahrheit und richtiges Tun, das mit einen Zustand der seelisch-inneren Ausgewogenheit verbunden ist. Es erscheint mir gerade aus heutiger Sicht als ein interessantes Phänomen, dass die Maat von niemanden je ernsthaft in Frage gestellt wurde. Die sonnenhafte Weltordnung galt dem Ägypter als unveränderbar. Und zwar für ewig und alle Zeit – und sie galt für jedermann, egal ob Pharao oder Handwerker. Über ihren Sinn und Gehalt bedurfte es nie irgend einer Debatte.
Ein Pharao regierte gut und korrekt, wenn er die Maat berücksichtigte, wenn er nicht nur an eigenen Ruhm dachte, sondern sich bemühte, im Rahmen der Maat auch das Beste für die altägyptische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zu tun. Die Maat zielte auf innere wie äußere Stabilität. Amenophis III., der Großvater von Tutanchamun, hieß mit seinem Thronnamen: „Herr der Maat ist (der Sonnengott) Re“. Damit war gewissermaßen eine Art Programm vorgegeben, das den König eng mit Maat und Sonnengott als zeitlose wie überpersönliche Garanten einer höheren (kosmischen) Ordnung verband. Über allem Irdischen stand der letztlich Gott Re als „Herr der Weltordnung (Maat)“.
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