Der Strom der Jahrtausende (Teil 2)
Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Do. 17. März 2011 | 15:45 Uhr
In den ägyptischen Unterweltsbüchern wird in Bild und Text der Lauf der Sonne so beschrieben, wie ihn sich die alten Ägypter vorgestellt haben, was uns heute wegen der zahllos anmutenden Details der Szenen fast wie eine Wissenschaft aus einer anderen Welt erscheinen mag. Diese „Jenseitsliteratur“ findet man an den Wänden Königsgräber im Tal der Könige.
Licht war himmlisch-geistiges Symbol für das Leben, das ewig währt. Mit dem Gott Osiris schufen die Ägypter einen Gegenpol. Osiris verkörperte unterweltliche Kräfte der Erde, die (abgestorbenes) irdisches Leben in der Natur erneuern. Ein Geheimnis, das man gerne über das Gleichnis vom reifen Getreidekorn erklärte, das in der Erde gelegt wird und dort wieder zu neuem Leben erwacht. In den alten Kulten um Osiris hat übrigens der christliche Auferstehungsglaube eine seiner tieferen Wurzeln.
Während im alten Ägypten die Verstorbenen rituell ins Jenseits geleitet wurden, sind bei uns Totenrituale im Verschwinden begriffen und oft nur noch auf dem Land, in kleineren Dörfern, anzutreffen. Der Grund dafür ist meist banal: Tod und Bestattung sollen heute möglichst wenig Aufwand machen. Nach ihrem Tod verschwinden Menschen dann einfach, gerade so, als hätten sie niemals gelebt. Ein Leben, das unter dieser Prämisse geführt wird, führt aber letztendlich in die totale Anonymisierung. Für den alten Ägypter eine Vorstellung, die pures Entsetzen hervorgerufen hätte. Das wirft die Frage auf: Schwimmen wir vielleicht gegen einen tiefen und uralten Strom an – und merken es nicht einmal?
So paradox es zunächst aussehen mag: Der Aufwand der alten Ägypten für ihre Toten ergibt sich aus der Liebe zum irdischen Leben. Nur daher überließ man für das Leben nach dem Tode nichts dem Zufall. Man schuf die Gräber ganz in der Nähe des Wohnortes, mumifizierte den Leichnam, meißelte den Namen des Toten in Grabwände und Statuen und gab persönliche Beigaben mit ins Grab. So konnte sich die Seele eines Verstorbenen immer an ihr frühere Leben auf Erden erinnern. Durch die Nähe zum Wohnort blieb man über das irdische Leben hinaus in die soziale Gemeinschaft eingebunden, wie der Ägyptologe Jan Assmann schreibt. Und durch den Erhalt des Körpers wollte man einen überirdischen (kosmisch verklärten) Leib schaffen.
Der Kult am Grab war zugleich ein wichtiges Ereignis für die Lebenden. Von Zeit zu Zeit feierten die Hinterbliebenen dort rauschende Feste. Die Seelen der Toten kehrten, so hoffte man, in die Grabstatuen ein und waren im Fest anwesen. Und wie zu Lebzeiten erfreuten sie sich an Musik und Tanz. Ihre Bindung zu den Ahnen gab den Ägyptern Identität. Weise Worte und Taten der Vorfahren galten als Quelle der Kraft. So gab der Kult, der eigentlich für die Toten gedacht war, den Menschen von Generation zu Generation soziale Sicherheit, Kontinuität und letztlich auch politische Stabilität im täglichen Leben, und dies über einen unvorstellbar langen Zeitraum.
Ägypten ist wie ein ferner Spiegel, der uns zeigen kann, was uns heute fehlt.
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