Die Götter im Land der Pharaonen - was steckt dahinter?

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mi. 02. Juni 2010 | 14:37 Uhr



Als ich kürzlich ein Referat über die Götter am Nil vorbereitet habe, ist mir wieder ein Gespräch mit einem alten Bekannten in den Sinn gekommen. Dieser hatte gemeint, die altägyptische Zivilisation könne doch gar nicht so hoch entwickelt gewesen sein. Denn die Ägypter hätten noch an Götter geglaubt. Das wäre seiner Meinung nach ein Zeichen von Rückständigkeit. Götter – die gibt es doch nur dort, wo man gar nichts oder nur wenig über Naturgesetze weiß.

Als Antwort ist mir eine kleine Geschichte eingefallen: Nehmen wir an, es gelingt uns, mit einer Zeitmaschine einen altägyptischen Sonnenpriester zu uns zu beamen. Wir bitten ihn dann, zusammen mit einem Naturwissenschaftler an einer Talkshow teilzunehmen. Das Thema lautet diesmal: „Die Sonne“. Jeder darf die Sonne aus seiner Sicht erklären. Der Vertreter der Wissenschaftler würde (mit Blick zum Sonnenpriester) vielleicht etwa folgendes sagen:

„Natürlich kann ich verstehen, dass Sie im Altertum noch seltsame Sonnengötter verehrt haben. Damals wusste man eben noch nichts über Wasserstofffusion, über die ungeheuere Zusammenballung von explodierendem Wasserstoffgas auf der Sonne, welche die gigantische Energie erzeugt, die uns allen Licht und Wärme spendet. Deshalb gibt es Leben auf der Erde. Nicht, weil irgendein Falke als Sonnengott mit seinem Boot täglich über den Himmel fährt.“

Der alte Sonnenpriester hat interessiert zugehört. Er bedankt sich und meint:

„Auch wir setzen Wissenschaften ein, wenn wir auch noch nicht so weit sind wie ihr. Aber zwischen Wissenschaft und Mythologie sehen wir keinen Widerspruch. Es ist wahr, die Sonne ist für uns ein tiefes Geheimnis. Und was wir letztlich nicht ergründen können, drücken wir durch ein Bild aus. Ihr nennt so etwas ein Symbol. Die Bewegung der Sonne am Himmel stellen wir z.B. dar mit einem Boot, so wie wir es von unseren Nilschiffen kennen. Da die Sonne sehr hoch zu fliegen scheint, haben wir noch das Bild des Sonnengottes Re als goldenen Falken. Aber jeder Gebildete bei uns weiß natürlich, dass da oben kein echter Falke in einem Boot sitzt.

Für uns aber ist die Sonne noch sehr viel mehr als explodierender Wasserstoff. Das sagt nichts über ihr Wesen aus. Ohne Wärme und Licht wäre auf der Erde natürlich zunächst einmal gar nichts. Dessen sind wir uns immer bewusst und sind der Sonne zu Dank verpflichtet. In unserem täglichen Kult versuchen wir, daran zu erinnern und dem Sonnengott etwas zurückzugeben. Aber Sonne, das bedeutet aber auch Rhythmus, Ordnung und Harmonie. Mit der geometrisch klaren Form einer Pyramide haben wir dafür ein eindringliches Bild gefunden. Die Sonne gibt den Takt des Lebens vor: Tag und Nacht, die Jahreszeiten. Und Licht bedeutet für uns nicht, dass es einfach nur hell ist. Licht ist göttlich, ein Sinnbild für den klaren Verstand und für schöpferische Kreativität, göttliche Kräfte, die auch in uns Menschen wohnen.“

Mir scheint, dass es da keinen so großen Widerspruch zwischen unserer modernen Naturwissenschaft und den alten Göttern im Nilland gibt. So betrachtet, ergänzt sich beides. Die Ägypter haben die Phänomene der Natur vor allem in einem geistigen Sinn interpretiert.

Diesen Beitrag Kommentieren


Verwenden Sie das folgende Formular, wenn Sie einen Kommentar zu diesem Artikel abgeben möchten.

Spamschutz: Bitte geben Sie den Code, den Sie in dem Bild links sehen in das Feld »Code« ein

Sicherheitscode
Kommentar speichern


Zurück zur Übersicht
Artikel-Liste zeigen

Dr. Wolfgang Wettengel



Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung