Echnaton – Visionär oder Fanatiker?

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mo. 05. Dezember 2011 | 14:41 Uhr



Als Pharao Sethos I. etwa 40 Jahre nach dem Tod von Tutanchamun den großen Tempel von Abydos errichten ließ, ließ er dort eine lange Liste von Königen einmeißeln. Diese steinerne Liste ist bis heute bestens erhalten – und sie ist von unschätzbarem wissenschaftlichen Wert! In ihr werden ägyptische Könige seit der ersten Dynastie aufgeführt. Alle Herrscher? Nein, es fehlen einige. Neben Königin Hatschepsut z.B. vermissen wir vor allem die Herrscher von Amarna: Echnaton – Semenchkare – Tutanchamun – Eje. Nicht, das sich die Priestergelehrten hier geirrt hätten. Es steckt vielmehr Methode dahinter. Diese Pharaonen wurden damals als illegitim betrachtet.

Pharaonen nach Tutanchamun und Eje begnügten sich nicht damit, die Namen der Amarnakönige nicht (mehr) zu erwähnen. Vielmehr ließ man ihre Bilder, Namen und Statuen ausmeißeln und zerstören, wo immer man sie fand, gerade so, als hätten diese Könige nie existiert. Und genau dies wollte man erreichen: Die Tilgung aus dem Gedächtnis, und zwar für alle Zeiten. Der Grund für diese drastische Maßnahme: Weil Echnaton mit einer jahrtausendealten Tradition brach und seinen neuen Glauben einführte. Wenn von Tutanchamun noch eine größere Statue existiert (sie ist als Replikat im Foyer in unserer Ausstellung zu sehen), dann nur, weil der Name darauf ausgemeißelt und von König Haremhab überschrieben worden ist.

Echnaton führte die Verehrung eines einzigen Gottes ein, der Sonnenscheibe Aton. Schon der Name des Königs drückt ein politisches Programm aus. Ursprünglich hieß er nämlich Amenophis (das heißt, „Der Gott Amun ist in Frieden“), so wie sein Vater und Vorgänger im Amt. Doch dann benannte er sich um in Echnaton. Das bedeutet „Wohlgefällig für Aton“, wobei der Namensbestandteil Ech- in heutige Sprache nur schwer übersetzbar ist. Nun aber geschah etwas, was es in der Geschichte Ägyptens noch nie gab. Echnaton ließ die Tempel der traditionellen Götter schließen, ihre Kulte verbieten. Er verfolgte vor allem den Gott Amun, ließ seine Statuen und Bilder zerschlagen, seinen Namen in Tempeln ausmeißeln und seine Priesterschaft entmachten. Dabei ließ der König beim heutigen Tell el-Amarna eine neue Residenzstadt mit prachtvollen Tempeln für seinen einzigen Gott Aton erbauen. Echnaton wird daher heute als erster Monotheist in der Weltgeschichte gesehen.

Zur Zeit Howard Carters begann man, in Echnaton einen weitblickenden Visionär und großen Vordenker zu sehen, weil er, ähnlich wie in den drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam der Fall, nur einen einzigen Gott verehren ließ. Doch seit einigen Jahren sehen wir diesen kompromisslosen Pharao etwas anders. Man darf nicht glauben, dass die Zeit Echnatons einfach nur so über die Bühne der Geschichte ging. Sein Bruch mit der Tradition hatte gravierende Folgen. Der Sturz der Götter und die Entmachtung ihrer Priester löste ein immenses politisch-soziales und kulturelles Erdbeben aus, das weit über Echnatons Zeit (und Ägypten!) hinausreichen sollte. Davon sollte sich das Pharaonenreich nie gänzlich erholen. Nach der Amarnazeit und dem radikalen Bruch mit der Tradition war im Niltal nichts mehr wie vorher, und noch heute sehen wir die Spuren der Zerstörungen gut sichtbar an den Tempelwänden. Echnatons Monotheismus und sein Glaubenseifer hatte eine finstere, religiös-fanatische Kehrseite, die uns in mancher Hinsicht an Ereignisse in heutiger Zeit erinnern mag.

Auch Tutanchamuns Name wurde von den königlichen Nachfolgern getilgt. Zu Unrecht, wie wir heute meinen. Der junge Pharao hat versucht, zu retten, was noch zu retten war. Ein deutliches Signal des Königs war die Änderung seines Namens. Geboren wurde er in Amarna noch als Tutanchaton, als „Lebendes Abbild des Gottes Aton“. Nach Antritt seiner Herrschaft aber nannte er sich in Tutanchamun um, in „Lebendes Abbild des Gottes Amun“, als Erscheinung des von seinem Vater Echnaton verfolgten Gottes.

Ihr Dr. Wolfgang Wettengel

Kommentare


Es wurde ein Kommentar zu »Echnaton – Visionär oder Fanatiker?« abgegeben:


Antje Müller-Lesshafft


Mo. 05. Dezember 2011 | 22:29 Uhr

Was mich wundert an Ihrem Beitrag ist der Hinweis, Echnaton sei der erste Monotheist der Weltgeschichte. Nach meiner Kenntnis waren monotheistische Juden in Ägypten, seitdem Joseph, ein Enkel des Abraham (ca. 2000 v. Chr.), nach dem Verkauf durch seine Brüder in Ägypten zu Amt und Ehren gekommen war und nach einer schweren Dürre seine ehemalige Familie im reichen Ägypten gnädig aufgenommen hatte. Der monotheistische Gedanke müsste demnach im alten Ägypten bekannt und sicher auch diskutiert worden sein. Echnaton (ca. 1500 v. Chr.) hat dann wohl eher eine ägyptische Variante des jüdischen Glaubensmodells kreiert. Wenn es stimmt, dass Ramses II. (der Große, ca. 1300 v. Chr.) der Pharao war, der sich mit Moses auseinander setzte und das jüdische Volk ziehen liess, so sollten mit den Juden auch die letzten monotheistischen Ägypter Ägypten verlassen haben, d.h. es ging bei dieser Auseinandersetzung nicht nur um ein paar Arbeitssklaven, sondern möglicherweise auch um die Frage: wer hat die wahre Religion? Ich denke, die Geschichte hat diese Frage inzwischen beantwortet.

Anmerkung des Tutanchamun-Ausstellungs-Teams
Sehr geehrte Frau Müller-Lesshafft, besten Dank für Ihren Beitrag! Das Thema, das Sie ansprechen, ist spannend wie komplex, daher erlaube ich mir, Ihnen etwas ausführlicherzu antworten. Was die Jahrezahl der Zeit des biblischen Joseph betrifft, die Sie nennen (ca. 2000 v. Chr.), so befinden wir uns hier leider auf äußerst unsicherem Terrain. Was weiß man wirklich? Die Alttestamentforschung geht seit geraumer Zeit davon aus, dass die berühmte Josephsgeschichte nicht vor 800 v. Chr. niedergeschrieben worden sein kann. Dies kann die Ägyptologie mit dem Namen von Potiphar, dem ägyptischen Dienstherrn von Joseph, sehr gut untermauern. Dieser Name lautet in hieroglyphischer Umschrift Pa-di-pa-Ra und bedeutet „Der von Ra (Sonnengott) Gegebene“, ein typischer Name, wie er erst nach der Jahrtausendwende v. Chr. unter den ägyptischen Namen auftaucht. Die Josephsgeschichte scheint aber eine Rückprojektion in die Zeit des Neuen Reiches zu sein. In diese Zeit passen die Schilderungen der ägyptischen Verhältnisse, wie man schon vor längerer Zeit herausgefunden hat. Und nach Mitte des 2. Jt. v. Chr. haben einige Einwanderer aus Palästina nachweislich erstaunliche Karriere in Ägypten gemacht, sehr viele dann ab der Zeit der Ramessidenkönige, wie man aus zahlreichen Dokumenten ersehen kann. Die Gründe für die Abfassung der Josephsgeschichte wie auch für deren Rückprojektion werden heute als religiös-politisch motiviert betrachtet. Historisch lässt sich da an Personen leider nichts greifen. Die Entstehung des Monotheismus im alten Israel wird als längerer Prozess gesehen. Jan Assmann, der wohl derzeit weltweit berühmteste Ägyptologe und renommierter Kulturwissenschaftler, sieht mit zahlreichen Alttestamentlern die Vorformen des israelischen Monotheismus zweifelsfrei im 14. Jahrhundert in Ägypten (siehe: Jan Assmann, Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur. Carl Hanser, München 1998). Die Regierungszeit Echnatons (um 1340 v. Chr.) war mit der Verehrung des einzigen Gottes Aton weithin monotheistischgeprägt. Und auch Siegmund Freuds berühmte Moses-Studie suchte bereits vor Jahrzehnten den Ursprung des Monotheismus in Ägypten unter Echnaton. Mit besten Grüßen, Dr. Wolfgang Wettengel



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