Autor: Dr. Wolfgang Wettengel Do. 12. Januar 2012 | 13:27 Uhr
Im Jahr 1898 arbeitete Howard Carter, damals erst 24 Jahre alt, als archäologischer Zeichner am Tempel der Königin Hatschepsut. Dieser Tempel liegt gegenüber der heutigen Stadt Luxor. Er kann nach einer Jahrzehnte langen, aufwändigen Restaurierung heute wieder von Touristen aus aller Welt bewundert werden.
In jenem Jahr aber machte Carter per Zufall eine seiner vielen Entdeckungen. Als er über das Gräberfeld von Theben-West unweit des Tempels der Königin ritt, brach plötzlich sein Pferd ein. Die Ursache war rasch klar. Der Boden von Theben-West gab wieder einmal ein Grab frei. Seither wird dieses Grab „Bab el-Hosan“ genannt, was übersetzt „Tor des Pferdes“ bedeutet. Als Carter knapp zwei Jahre später zum Chefinspektor der Antikenverwaltung für Oberägypten aufstieg, begann er mit der systematischen Erforschung dieses Grabes. Es enthielt – anders als die späteren Gräber im Tal der Könige – noch keine farbenprächtigen Wandmalereien. Was aber Carter hinter einer 3,75 m dicken und intakten Ziegelmauer nach einem 40 Meter langem, tiefen und engen Gang, das waren Opfergaben, ein Holzsarg ohne Inschrift und eine besterhaltene Königsstatue. Es handelt sich um die schwarze Sitzstatue von König Mentuhotep II., eingehüllt in einem weißen Festmantel, mit der roten (unterägyptischen) Krone auf dem Haupt. Heute ist sie im Museum in Kairo.
Mentuhotep II. war ein Herrscher, der nach einer schweren Staatskrise zu Beginn des Mittleren Reiches regiert hat. Nach der Zeit der Erbauer der großen Pyramiden zerfiel das Alte Reich um 2200 v. Chr., am Ende der 6. Dynastie. Ägypten wurde in der sogenannten Ersten Zwischenzeit fast 200 Jahre lang von Regionalfürsten und politisch schwachen Kleinkönigen regiert. Nicht selten dominierte Willkür im Lande wegen der schrankenlosen Gier von Vorgesetzten. Plünderer nutzten die Anarchie, zerstörten Gräber und raubten Grabbeigaben.
Den Verfall der schützenden Macht des zentralen ägyptischen Königtums bekamen besonders die unteren Schichten zu spüren. Es existiert in Ägypten einiges an bedeutender, früher Literatur, die sich mit der schweren gesellschaftlichen Krise auseinandersetzt. In einem literarischen Text klagt ein redegewandter Bauer, wie sehr ihm Willkür widerfahren ist und er letztlich doch auf Gerechtigkeit hofft. Diese Geschichte, die gut ausgeht, ist eine realistische Darstellung von Korruption und Machtmissbrauch. Ein anderer meint, die Verhältnisse im Lande seien gewissermaßen auf dem Kopf gestellt. Wieder ein anderer wirft dem Schöpfergott vor, dass ihm seine Schöpfung missraten sein müsse. Dem entgegnet der Schöpfergott klar und deutlich, er habe den Menschen ja nicht befohlen, dass sie untereinander Unrecht tun. Ein erster Hinweis auf den freien Willen, den wir in der Weltliteratur finden!
Mit König Mentuhotep II. wurde nach der Ersten Zwischenzeit der Grundstein gelegt für eine neue Blütezeit Ägyptens. Diese Zeit, das Mittlere Reich, ging schließlich als eine Epoche der Klassik in Kunst und Literatur in die Geschichte ein.
Einen guten Start ins Neue Jahr wünscht Euch Dr. Wolfgang Wettengel
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