Eine Schule für Manager
Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Di. 18. Mai 2010 | 14:46 Uhr
Kaum jemand von uns bleibt unberührt von der Kunst Ägyptens und von seinen Baudenkmälern. Dieses Mal möchte ich aber einmal nichts über Schätze und Gräber erzählen. Wertvolle Grabbeigaben und schöne Malereien, Statuen, Pyramiden und Tempel, das ist keineswegs alles, was das alte Ägypten uns heute bieten kann. Zudem sind wir keineswegs die ersten Bewunderer ägyptischer Kunst. Ägypten rückte auch nicht mit den Forschern und Abenteurern des 19. Jahrhunderts oder mit der Entdeckung des Grabes von Tutanchamun ins Blickfeld, sondern viel früher. Schon die ersten Touristen des antiken Griechenlands waren vor über zwei Jahrtausenden tief beeindruckt vom enormen Alter der pharaonischen Zivilisation. Und schon damals vermutete man, dass die Könige und Gelehrten im alten Wunderland am Nil im Besitz von irgendeiner geheimer Weisheit sein müssen. Wie sonst könnte dort wohl all das Großartige geschaffen worden sein?
Dieses Ägyptenbild wurde nach der Wiederentdeckung der altägyptischen Kultur im 18. Jahrhundert neu belebt und hat sich in der Esoterik sogar noch verstärkt. Ägypten war zur Zeit von Mozart in aller Munde. Seine berühmte Oper „Die Zauberflöte“ ist voll von ägyptischen Mysterien. Auch wenn die moderne Ägyptologie nach der Epoche von Mozart sich etwas entzaubernd ausgewirkt hat, so hat sich gerade in den letzten Jahren hier wieder einiges geändert. Was man jetzt allmählich zu entdecken beginnt, ist das geistige Fundament, das Gedankengebäude, auf dem die pharaonische Kultur steht. Auch hier findet man faszinierendes. Dieses Fundament hat das Leben im Alltag maßgeblich und für lange Zeit bestimmt.
Um etwas darüber zu erfahren, müssen wir einen Blick in die alten Tempelschulen werfen, dort, wo gelehrt wurde und Wissen von Generation zu Generation weitergegeben worden ist. Hier hat man den künftigen Eliten das Rüstzeug für leitende Positionen vermittelt. Denn die Priestergelehrten waren vor allem eines: hervorragende Organisatoren im praktischen Leben. Eines fällt bei der Ausbildung in diesen Schulen immer wieder auf. Tradition und alte Überlieferung waren von größter Bedeutung. Das sollte sich in Krisenzeiten bewähren, die es auch im Land der Pharaonen des öfteren gab.
Eine der wichtigsten Personen, auf deren Lehren wir die wir in den Ausbildungsstätten der Pharaonen immer wieder treffen, hieß Ptahhotep. Dieser Mann war vor fast 4400 Jahren Wesir. Minister in allerhöchster Stellung, wie wir heute sagen würden. Im Alter hat er seine Erfahrungen schriftlich zusammengefasst. Seine Worte wurden über viele Jahrhunderte weitergegeben und prägten das, was wir das Elitewesen eines Landes nennen. Ptahhotep gab Tipps für fast alle Lebenslagen. Maximen für Manager, wie der Ägyptologe Dieter Kurth treffend sein Buch über Ptahhotep betitelt hat. Und dabei bleibt Ptahhotep ruhig und sachlich, völlig frei von überflüssiger, wertender Moralpredigt und von jeglichem religiösen Hokuspokus. Als ich als Student in einer Sprachübung die Originaltexte im Seminar erstmals übersetzen konnte, war mein spontaner Eindruck: Diese Worte sind klar und deutlich und haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Vielleicht ist gerade jetzt vieles von dem, was dieser alte Wesir gesagt hat, sogar hochaktuell. Hören wir doch ganz einfach einmal selbst hinein. Heute möchte ich mal mit seiner ersten Maxime beginnen:
Bilde dir nichts ein auf dein Wissen!
Vertraue nicht darauf, dass du ein Gelehrter bist,
sondern berate dich mit dem Unwissenden wie mit dem Weisen.
Die Grenzen der Kunstfertigkeit werden nie erreicht.
Es gibt keinen Künstler, dessen Trefflichkeit (von Geburt aus) vorhanden ist.
Gute Rede ist verborgener als grüner Malachitstein,
doch kann man sie bei den Dienerinnen an den Mühlsteinen finden.
Lehren formten den Geist der Pharaonenzeit, auf dem die Größe, aber auch die enorm lange Dauer der altägyptischen Kultur fußt. Schon vor Jahrtausenden hat man im Niltal erkannt, dass eine gute Ausbildung das A und O der Zivilisation ist – und dass jeder klare Gedanken wie die von Ptahhotep nachvollziehen kann.
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