Entdeckungen im Tal der Könige nach Tutanchamun

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mi. 21. Juli 2010 | 16:33 Uhr



Das Grab von Tutanchamun trägt die Bezeichnung KV 62. Die Abkürzung KV steht für Kings Valley, und 62 bezeichnet die Nummer des aufgefundenen Grabes. Bis zum Jahr 1922, als Howard Carter die Anlage Tutanchamuns als letztes Grab im Tal der Könige fand, waren insgesamt 61 Gräber an diesem Ort aufgefunden worden. Nach Tutanchamun blieb es lange Zeit ruhig im Tal. Doch viele Forscher nach Carter fragten sich: Gibt es noch ein unentdecktes Grab KV 63? Schon zu Carters Zeit glaubte kaum mehr jemand an einen spektakulären Fund. Aus meiner Einschätzung kann ich sagen, dass das Tal der Könige nach wie vor für Überraschungen gut ist.

Die meisten der Gräber im Königsgräbertal wurden im 19. Jahrhundert entdeckt, nachdem sie bereits in der Antike von Grabräubern erbrochen und geplündert worden sind. Allein in den Jahren 1898 und 1899 – Carter war damals bereits in Ägypten – fand der französische Ägyptologe Victor Loret die Gräber von Thutmosis I., Thutmosis III. und Amenophis II., die zu den ältesten im Tal der Könige zählen.

Erst Ende der 80er Jahre gelang dem amerikanischen Ägyptologen Kent Weeks eine spektakuläre Wiederentdeckung. Genauer gesagt, er grub ein schon vor langer Zeit aufgefundenes Grab aus. Als er Schlamm, Schutt und Asphaltbrocken am Eingang des wieder verschlossenen und lange Zeit unbeachteten Grabes KV 5 entfernte, da schlug ihm widerliche stickig-modrige Luft entgegen. Einsickerndes Abwasser aus der Touristen-Cafeteria im Tal der Könige verpestete die Luft in den zugeschütteten Gängen. Jahrelang arbeitete sich Weeks durch Gänge und grub dabei eine der größten Felsgrabanlage des alten Ägypten aus. Das riesige Grab KV 5 war keine Ruhestätte eines Pharaos, wie sich herausstellte. Die weitläufige Anlage wurde vermutlich errichtet, um die Bestattungen der Söhne des mächtigen Ramses II. aufzunehmen.

Am 8. März 2006 konnte schließlich der Direktor des Surpreme Council of Antiquities, Zahi Hawass, die Entdeckung von KV 63 offiziell bekannt geben. Diese Anlage war bereits im Jahr 2005 von einem amerikanischen Grabungsteam der Universität Memphis unter Otto Schaden entdeckt worden, unweit von Tutanchamun entfernt, angelegt in der Zeit der späten 18. Dynastie, kurz vor Tutanchamun. Und wie über dem Eingang am Grab von Tutanchamun, so wurden auch hier später kleine, steinerne Arbeiterhütten in der Zeit der Ramessidenkönige über dem Zugang errichtet. Weil dadurch kein Eingang mehr sichtbar war, gerieten Tutanchamun wie auch KV 63 aus dem Blickfeld späterer Grabräuber – und letztlich bis jetzt in Vergessenheit.

Die wissenschaftliche Auswertung von KV 63 dauert noch an. Wie man bisher festgestellt hat, war diese Anlage vermutlich kein Grab. KV 63 besteht nur aus einem Schacht, der in einen Raum mündet. Zwar fand man acht Särge, doch ohne Mumien darin. Was man in den Särgen statt dessen entdeckte, war Material zur Einbalsamierung für den Totenkult. Weiteres Balsamierungsmaterial fand man noch in original versiegelten Krügen, die dort lagen. Einige Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass es sich bei KV 63 vermutlich um ein Depot für Material zur Balsamierung gehandelt haben könnte. Im Kestner Museum in Hannover kann man derzeit noch mehr über diese eigenartige Entdeckung in der Sonderausstellung Das geheimnisvolle Grab 63 erfahren.

KV 63 ist die letzte entdeckte Anlage im Tal der Könige. Ob es tatsächlich die letzte Entdeckung dort bleibt, wird sich zeigen. Die Forschungen im Tal gehen weiter. Doch nicht immer werden die hohen Erwartungen erfüllt. Ein kürzlich freigelegter, 174 m langer Gang im Felsengrab von Pharao Sethos I. barg keine sagenumwobenen Schätze, wie eine alte Grabräuberfamilie erzählte, sondern endete ganz einfach im Nichts ...

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Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung