Autor: Dr. Wolfgang Wettengel Mo. 21. November 2011 | 13:33 Uhr
Die berühmte Frage, welche Spuren untergegangene Kulturen außer Kunstwerke, Bauwerke und Gräber hinterlassen, stellt sich auch für das alte Ägypten. Um hier „fündig“ zu werden, muss ich ganz kurz etwas ausholen. Als Alexander der Große im Jahr 332 v. Chr. die Perser aus Ägypten vertrieb, begann eine 300 jährige Herrschaft von Griechenkönigen. Sie endete schließlich mit Kleopatras Tod im Jahr 30 v. Chr., als Ägypten von Rom erobert und für einige Jahrhunderte römische Provinz wurde. Nachdem Rom zerfiel, fiel das Land am Nil bis zur arabischen Eroberung an das byzantinische Ostrom. In der Römerzeit ist Ägypten als erstes Land christianisiert worden. Es entstanden die ältesten Klöster der Welt. Ihr Einflussbereich reichte in der Spätantike rasch bis ins Herz Europas, sogar bis nach Irland. Nach der Islamisierung Ägyptens im 7. Jahrhundert n. Chr. verblieb bis heute ein Rest der einstmals christlichen Bevölkerung: die Kopten. Ihr Bevölkerungsanteil wird derzeit etwa zwischen 7 und 12% geschätzt. Auch in Deutschland leben derzeit einige Tausend.
Was geschah mit der Kultur und der alten Sprache der Pharaonen? Nach der Christianisierung wurden die alten Tempel zunächst meist in Kirchen umgewandelt, Götterbilder zerstört und viele Reliefs ausgemeißelt. Die Sprache der Ägypter aber lebte nach der arabischen Eroberung noch einige Zeit in der koptischen Bevölkerung fort. Nach der Islamisierung des Landes verschwand sie allmählich aus dem Alltag. Doch in der Kirchenliturgie der Kopten hat sie, ähnlich wie bei uns das Latein, bis heute überlebt. Doch es gibt noch mehr „Survivals“: Im Christentum haben Grundgedanken der altägyptischen Religion überlebt. Zentral ist in beiden Religionen die Idee eines sterbenden und wiederauferstehenden Gottes – Osiris und Christus!
In den Jahrhunderten wechselvoller Geschichte Ägyptens kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Muslime und Christen. Dies soll sich, so hoffen viele in Ägypten, jetzt ändern. Doch ist zu hören, dass in den letzten Monaten mehrere Zehntausend Kopten das Land verlassen haben. Die jungen Leute in Kairos Straßen fordern mit Nachdruck Toleranz und gegenseitige Akzeptanz von Moslems und Christen. Eines ist gewiss: Ohne Freiheit und ohne religiöse Toleranz wird die Zukunft des Landes aufs Spiel gesetzt.
Ägypten wird folglich die großen Herausforderungen, vor denen es steht, nur im Bewusstsein seiner gemeinsamen Geschichte bestehen können. Wir wollen hoffen, dass sich der weltoffene Geist der jungen Generation durchsetzen kann. Neue Unruhen flammen jetzt wieder auf, weil die Menschen Freiheit wollen, keine Rückkehr zu alten Repressionen in neuen Gewändern. Ein wichtiger Gradmesser wird der Umgang mit der koptischen Minderheit sein, eine religiöse Toleranz. Und der Umgang der Ägypter mit dem Erbe der Pharaonen. Hoffen auch wir, dass alles gut wird. Die vielen jungen Leute, die sich in Ägypten jetzt ins Zeug legen, haben es verdient.
Ihr Dr. Wolfgang Wettengel
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