Gleichberechtigung im Alten Ägypten?

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mi. 14. Dezember 2011 | 14:06 Uhr



Zu den heute berühmtesten Pharaonen Ägyptens gehören zwei Frauen: Hatschepsut und Kleopatra. Auch Anchesenamun, die Gemahlin Tutanchamuns, könnte nach dem Tod des Königs kurze Zeit alleine regiert haben, bis sie schließlich den alternden Wesir Eje ehelichen musste, um zumindest vorübergehend den Fortbestand des Königtums zu gewährleisten. Betrachtet man jedoch die lange Liste der Namen der Dynastien und Könige, die im alten Ägypten regiert haben, so findet man darunter fast nur Männer. Da taucht die Frage auf: Welche Rolle hatte eigentlich die Frau?

Von der Warte des Königtums aus betrachtet, ist ein Urteil nur schwer möglich. Ägyptische Könige – das waren Söhne des Sonnengottes Re. Die Rolle des Königs als ein auf Erden regierender Gott war kultisch streng festgelegt und unterlag keinerlei Beliebigkeit. Einer amtierenden Königin als Gemahlin kam im göttlichen Königtum Ägyptens – analog zum Königsamt – die Rolle einer Himmelsgöttin auf Erden zu. Frauen regierten somit nur in politischen Ausnahmesituationen. Dass es in den Herrscherhäusern zu den immer wieder diskutierten inzestuösen Beziehungen kam, geschah nicht nur aus dynastischen Gründen, sondern auch wegen der Ereignisse in der Götterwelt. Inzest ist in zahlreichen Mythen nachweisbar.

Die wenigen Königinnen an der Spitze des Staates liefern uns damit kein Bild über die Rolle der Frau im alten Ägypten. Um sich ein Urteil bilden zu können, muss man andere Quellen hinzuziehen. Was für mich zählt, ist der Alltag. Die Frau war laut Inschriften „Herrin des Hauses“ und hatte im Haus das Sagen, während Männer draußen agierten. Trotzdem sind auch zahlreiche Frauen in Berufen belegt: Weberinnen, Bierbrauerinnen, Schreiberinnen, Musikantinnen, Tänzerinnen, Priesterinnen, Gutsbesitzerinnen, ja sogar Ärztinnen hat es gegeben. Einige Priesterinnen konnten allerhöchste Ämter ausüben. Sogar eine Schatzmeisterin ist uns bekannt. Ägyptische Frauen waren rechtlich den Männern weitgehend gleichgestellt: Sie konnten erben und vererben, was eine der wenigen Ausnahmen in Kulturen des Altertums war!

Heute hat sich im Land am Nil manches geändert. Dass z.B. eine Frau jungfräulich in die Ehe gehen musste, ist im alten Ägypten nicht nachweisbar. Für Männer war es unüblich, mehrere Frauen zu haben, außer im besagten Königshaus. Auch Kurioses ist überliefert. So hat sich einmal ein Mann mit einer Klage schriftlich an seine verstorbene Frau an deren Grab gewandt, weil er glaubte, dass ihr Totengeist ihm Unglück aus dem Jenseits senden würde. Der Mann war in hoher Position beim König und musste oft weite Reisen unternehmen. Dabei betont er ausdrücklich, wie er stets an sie dachte, so dass kein Anlass dafür bestehe, ihn nun zu schädigen. Stets habe er ihr alle erdenklichen Kostbarkeiten zukommen lassen und sogar die besten Ärzte angeheuert, als sie schwer krank geworden war. Jetzt, wo sie tot sei, lebe er schon seit drei Jahren allein.

Die Darstellungen in der Kunst zeigen uns ein inniges Verhältnis von Mann und Frau wie in keiner anderen Kultur des Altertums. Meist legt sie ihren Arm um Hals und Schulter des Mannes. In den Wandmalereien der Gräber sieht man Lebensfreude, wohin man schaut. Musikantinnen und Tänzerinnen treten bei Feierlichkeiten fast unbekleidet auf, eine Offenheit – fast westlich-modern und heute in Ägypten undenkbar! Nirgends wurde die Anmut von Frauen inniger besungen als in der Liebeslyrik:

Einzig ist die Geliebte, ohnegleichen, schöner als alle Frauen, sie ist wie der aufgehende Morgenstern, der erglänzt zu Beginn eines guten Jahres. (…)

Mit schlankem Hals und schimmernder Brust, hat sie echtes Lapislazuli zum Haar.
Ihre Arme sind reiner als Gold, ihre Finger voll Anmut wie Lotosknospen. (…)

Sie lässt den Hals aller Männer sich verdrehen, wenn sie sie sehen.
Freude hat der, der sie umarmt, er wird erhoben unter den Liebenden.

Ihr Dr. Wolfgang Wettengel

Kommentare


Es wurde ein Kommentar zu »Gleichberechtigung im Alten Ägypten?« abgegeben:


Elisabeth Richter


Do. 15. Dezember 2011 | 20:27 Uhr

...in keiner anderen Kultur des Altertums? (Darstellung von Mann u. Frau): In Etrurien hatte die Frau doch wohl auch eine Sonderstellung inne... "Männerblicke konnten eine Etruskerin nicht zum Erröten bringen" - Livius! Terrakotten aus Chiusi zeigen uns Frauen LIEGEND (nicht sitzend wie bei den Römern) auf Kissen. Und viele römische "Schreiberlinge" berichten uns, wie schrecklich unerschrocken und gleichberechtigt die Etrurierin durch ihr Leben geht und (wie schockierend!), sich ihren Mann (Männer) selbst wählt. Auch hier sind Grabmäler bekannt, die etruskische Frauen, liebevoll den Mann umarmend, zeigen.

Anmerkung des Tutanchamun-Ausstellungs-Teams
Liebe Frau Richter, Danke für den congenialen Hinweis, wobei man noch hinzufügen könnte, dass es im Altertum mehrere Kulturen gab, in denen die Frau einen sehr hohen Rang besaß. Das waren nicht immer sogenannte Hochkulturen, eher das Gegenteil ist oft der Fall. Ägypten ist als Hochkultur dawohl vielleicht eine der frühesten Zivilisationen, in der die Frau eine hohe Wertschätzung erfuhr, wenn man von der Zeit des Alten Reiches, also vor über 4500 Jahren, ausgeht. Herzliche Grüße, Ihr Dr. Wolfgang Wettengel



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Dr. Wolfgang Wettengel



Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung