Grabräuber!

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Di. 12. Oktober 2010 | 09:38 Uhr



Im November letzten Jahres erhielt ich einen Anruf von einem Redakteur des „Spiegel“. Das Hamburger Magazin bereitete damals einen größeren Artikel über Beraubungen im Grab des Tutanchamun vor. Allerdings ging es dem „Spiegel“ weniger um die antiken Beraubungen. Es ging um Howard Carter. Carter, der Entdecker, ein Grabräuber?

Wenn man sucht, dann trifft man außerhalb des Kairoer Museums tatsächlich vereinzelt auf Objekte des Grabschatzes von Tutanchamun, was eigentlich nicht sein sollte, da damals kein Fundstück außer Landes gehen durfte. Im November fotografierte ich für den „Spiegel“ dann noch ein kleines Uschebtifigürchen von Tutanchamun im Louvre von Paris, eines jener kleinen Dienerfiguren für schwere Arbeiten im Jenseits. Wie das Figürchen dorthin gelangt ist, darüber ist nicht viel zu erfahren. Kollegen vermuten deshalb, das Figürchen könnte evtl. aus dem Nachlass von Howard Carter oder Lord Carnarvon stammen.

Schon vor längerer Zeit sind Spekulationen aufgetaucht, die Entdecker hätten das Grab selbst geplündert, nicht antike Räuber. Einige gingen sogar soweit zu behaupten, dass Howard Carter das Grab schon geraume Zeit vorher entdeckte habe – und ausraubte! Dazu fällt mir als Ägyptenkenner spontan ein: Eine Entdeckung dieses Ausmaßes, in der viele Einheimische als Grabungshelfer eingebunden waren, hätte man nie und nimmer auch nur drei Tage lang geheim halten können, weil sich Sensationen den Nil rauf und runter wie ein Lauffeuer auszubreiten pflegen. Das ist auch heute noch so.

Sicher, Howard Carter, Lord Carnarvon und seine Tochter Lady Evelyn brachen heimlich noch vor der offiziellen Eröffnung ohne Genehmigung in die Sargkammer ein. Wohl aber mehr aus Neugierde. Und um sich zu überzeugen, sich nicht vor aller Welt zu blamieren, wenn man medienwirksam schon vorab eine Sensation ankündigte, was vor allem der Lord blendend verstand. Aber soviel scheint festzustehen: Nachdem Howard Carter und Lord Carnarvon von der ägyptischen Regierung von jeglicher Beteiligung am Fund ausgeschlossen wurden, haben sich die beiden wohl einige persönliche „Souvenirs“ angeeignet. Objekte davon tauchten später in Museen auf.

Grabräuber sind professionelle Diebe, die skrupellos plündern, um das Gestohlene zu Geld zu machen. Das meint auch Dr. Jaromir Malek, der den Carter-Nachlass im Griffith Institute in Oxford verwaltet. Vor allem die Theorie, dass Carter selbst die Verwüstungen im Grab angerichtet haben könnte, passt wenig zu dem akribisch arbeitenden Ausgräber, der in seinen früheren Jahren als Chefinspektor des Antikendienstes Grabräuberei energisch verfolgte, weil er sie für üblen Kulturfrevel hielt. Ich sage das, weil ich mich in den letzten Monaten noch einmal sehr intensiv mit Howard Carter beschäftigt habe.

Meiner Meinung nach verrät die Art des Einbruchs im Grab Tutanchamuns die Räuber. Sie mussten schnell sein und kannten sich bestens aus, weil sie im schwachen Licht der Öllampe und im Gewirr der Gegenstände in der Vorkammer ganz gezielt die kleine Vermauerung zur Nebenkammer fanden und aufbrachen. Und genau wegen dieser Eile konnten sie nicht mehr größeren Schaden im Bereich der Bestattung der Mumie des Königs stiften. Es spricht vieles dafür, dass es sich bei den Dieben entweder um Leute der Tempel- oder Friedhofsverwaltung selbst – oder aber um Handwerker gehandelt hat, die vorher im Grab arbeiteten. Zudem wurde der Eingang nach dem Einbruch neu vermauert und noch von der antiken Friedhofsverwaltung versiegelt.

Über ein derartiges Diebeskomplott berichtet uns übrigens ein berühmter Papyrus einige Zeit nach Tutanchamun, abgefasst im 16. Regierungsjahr von König Ramses IX. Eine Untersuchungskommission hatte bei einer Inspektion in Theben-West festgestellt, dass im Grab von König Sobekemsaf II. aus der 17. Dynastie eingebrochen wurde:

„... Man fand, dass Diebe sie (die Grabkammer) durch Steinmetzarbeit erbrochen hatten. ... Man fand die Grabstätte des Königs ihres Herren beraubt, und ebenso die Grabstätte der Königin... Die Diebe hatten Hand an sie gelegt.“

Dabei wurde die Mumie des Königs zerstört. Übel sah es auch bei einigen Privatgräbern aus. Hier hatten die Diebe kurzerhand die Mumien „... aus ihren Hüllen und Särgen herausgerissen, hatten sie auf die Erde geworfen und hatten ihren Hausrat, den man ihnen mitgegeben hatte, gestohlen, samt dem Gold, Silber und den Schmucksachen, die in ihren Hüllen waren.“ So der Wortlaut des Papyrus.

Acht Diebe konnten überführt werden. Bedienstete eines Tempels waren darunter – und Steinmetze. Allesamt waren also Personen mit „Insiderwissen“. Aber selbst dieser Erfolg der pharaonischen Behörden konnte das tragische Schicksal der thebanischen Gräber in den folgenden Jahrhunderten nicht aufhalten ...

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Dr. Wolfgang Wettengel



Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung