Autor: Dr. Wolfgang Wettengel Mo. 15. November 2010 | 20:25 Uhr
Als ich dies zum ersten Mal in meinem Leben las, war ich zutiefst fasziniert von der Großartigkeit ägyptischer Literatur. Der Spruch stammt aus dem Textkorpus des Ägyptischen Totenbuches. Er findet sich auch auf den großen, vergoldeten Schreinen Tutanchamuns. Mit Aussagen wie dieser richteten vor weit über drei Jahrtausenden ägyptische Priestergelehrte ihren Blick weit über die Geschäftigkeiten des alltäglichen Lebens hinaus. Hier tut die Menschheit in einer frühen Phase ihrer Geschichte und Kultur kund, dass selbst die Verstorbenen keineswegs einem passiven Schicksal ausgeliefert sein müssen.
Da die Ägypter alles, was von elementarer Wichtigkeit ist, durch Gottheiten personifiziert und somit veranschaulicht haben, wird das Gestern, das Vergangene, zu Osiris. Das Kommende aber ist Re, die Sonne, die am Morgen neu am Firmament entsteht. So die Erläuterung im Text selbst. Im übertragenen Sinne bedeutet dies: Wer die Vergangenheit verarbeitet hat („ich bin das Gestern“), der kann einschätzen, was künftig auf ihn zukommt. Er „kennt“ das Morgen. Eine simple Weisheit, die keineswegs selbstverständlich ist.
Aber werfen wir nochmals einen Blick in das Ägyptische Totenbuch. Hier finden sich neben für uns heute schwer verständlichen symbolischen Bildern großartige Aussagen über den Menschen, Wünsche nach gutem Essen wie nach simplen irdischen Lustbarkeiten. Für die alten Ägypter gehörte beides – Erhabenes wie Lächerliches – zum Menschsein, wie der Ägyptologe Erik Hornung, der das Totenbuch bearbeitet hat, einmal treffend bemerkt hat.
Einige Sprüche des Totenbuches zeugen von tiefer Menschenkenntnis, sie zeugen auch von einem enormen Weitblick, wie z.B. Spruch 175. In diesem Text kommen tiefst Ängste zum Ausdruck, wenn davon die Rede ist, wie tief, wie finster und wie unendlich die Welt des Jenseits sein kann, ohne Wasser und ohne Luft. So anders als die Erde. Auch kein lichtdurchflutetes himmlisches Paradies wird hier gezeichnet, wie sonst in ägyptischen Jenseitstexten üblich, sondern ein schattenhafter Hades, vor dem sich jede lebende Seele abgrundtief fürchtet. Dann aber blitzen plötzlich Gedanken über die ferne Zukunft auf, wenn der Gott Osiris unvermittelt fragt, was am Ende aller Zeit sein wird. Die Antwort von Atum, dem allerschaffenden Urgott, ist klar und eindeutig:
„Ich aber werde alles, was ich geschaffen habe, zerstören. Diese Welt wird wieder in das Urgewässer zurückkehren, in die Urflut, wie bei ihrem Anbeginn.“
Das Weltall – ein Lebenskreislauf, ähnlich wie ein einziger Tag, nur im Großen! Mit Hilfe ihres zyklischen Weltbildes (ich habe dieses Denken in Kreisläufen vor einigen Wochen in einem Blog über das ägyptische Geschichtsbild beschrieben) erahnten die alten Ägypter etwas, was viel später die moderne Naturwissenschaft als Modell skizzieren wird: Alles entstand vor Urzeiten aus einem undefinierbaren Urchaos. Und am Ende kehrt alles dorthin wieder zurück.
Wann das sein wird? Auch darauf gibt Spruch 175 eine erstaunliche wie klare Antwort: Erst nach Millionen und Abermillionen von Jahren. Wir haben also noch viel Zeit!
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