Im Schatten der Pharaonen

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Do. 13. Januar 2011 | 19:39 Uhr



Viele werden sich schon gefragt haben: Wer hat eigentlich die Grabanlage von Tutanchamun gebaut, wer hat all diese Gräber im „Tal der Könige“ mit ihren tiefen Felsgängen und farbenfrohen Wandmalereien geschaffen? Haben hier Sklaven arbeiten müssen? Es waren keine Sklaven, wie schon bei den Pyramiden. Die Gräber im „Tal der Könige“ schufen gut ausgebildete Handwerker und Künstler.

Heute möchte ich etwas über diese Leute schreiben, die im Schatten der mächtigen Pharaonen lebten. Als Maler und Künstler waren sie eingeweiht in die Geheimnisse des ägyptischen Jenseits. Aus dem Grund lebten die Kunsthandwerker abseits vom Trubel des antiken Theben. Sie wohnten in einem abgeschlossenen Bereich im Gräberbezirk von Theben-West, also auf der Westseite der heutigen Stadt Luxor, und zwar in einer kleinen Siedlung aus steinernen Häusern. Deren Ruinen, die heute noch sehr gut erkennbar sind, werden Deir el-Medina genannt.

Das Leben dieser Künstler und Handwerker ist mittlerweile gut erforscht. Man kennt aus Darstellungen in ihren Gräbern ganze Familien, sogar die Namen einzelner Mitglieder, ja sogar manches Wohnhaus lässt sich zuordnen. Und das alles nach über drei Jahrtausenden, schier unvorstellbar!

Die Abfallgruben der Siedlung haben sich als wahre Fundgruben für Ägyptologen entpuppt. Darin wurde vor über 3000 Jahren alles entsorgt, was man nicht mehr benötigte. Z.B. Notizen. Und so erfahren wir, dass die Kunsthandwerker der Pharaonen einen monatlichen Lohn in Form von fixen Getreiderationen bekommen haben. Geld gab es noch keines. Einen Teil des Getreides konnten sie auf dem Markt gegen andere Waren eintauschen. Als diese Versorgung einmal von Beamten unterschlagen wurde, traten die Künstler und Handwerker in den Streik. Offenbar hatten diese Menschen mehr Rechte, als wir aus heutiger Sicht vermuten möchten. Wir hören aus den weggeworfenen Notizen auch etwas über Gaunereien und gerichtliche Streitereien. Und wer nicht zur Arbeit erschien, musste sich bei den Vorgesetzten entschuldigen. Als Gründe wurden meist Krankheit oder ein Todesfall angeführt. Aber bei manchen notierten die Schreiber einfach nur „faul“, oder gar: „verprügelt von der Ehefrau!“

Die zum Teil unberaubten Gräber der Kunsthandwerker wurden in Freizeitarbeit am Rand ihrer Wohnsiedlung angelegt. Man kann heute einige Gräber besuchen. Klein aber fein und sorgfältig in den Fels geschlagen, hat man die Kammern mit hübschen Malereien ausgestattet. Grabbeigaben, die dort gefunden worden sind, sind heute in vielen Museen zu sehen, vor allem in Kairo, Prag oder Turin. Edelmetalle waren bei diesen einfachen Leuten kaum unter den Beigaben, was erklärt, dass antike Räuber kein Interesse an diesen Gräbern hatten. Und so gerieten die Gräber der Kunsthandwerker in Vergessenheit. Bis vor gut hundert Jahren.

Da diese Gräber heute, nach ihrer Öffnung für Besucher, sehr stark vom Verfall bedroht sind, habe ich vor etlichen Jahren eine Nachbildung von einer der schönsten Anlagen anfertigen lassen. Es ist das Grab des Sennedjem mit seinen fantastisch gut erhaltenen Malereien. Hier sieht man Sennedjem mit seiner Frau in der erhabenen Welt der Götter und in den Gärten eines überirdisch-friedlichen Paradieses.

Mittlerweile haben schon Hunderttausende diese Grabkammer in Sonderausstellungen gesehen, darunter auch sehr viele Schulklassen. Und so wie die bemahlte Sargkammer unserer Tutanchamun-Ausstellung, so könnte man auch Sennedjems Grab nie als Original auf Ausstellungstour schicken, nur als Kopie geht das. Im Sommer soll die Nachbildung von Sennedjems Grab übrigens in einer Ausstellung über ägyptische Gärten im Römisch-Germanischen Museum in Köln gezeigt werden. Wer Zeit hat, kann sich dann einmal selbst anschauen, wie sich die Künstler und Handwerker im Alten Ägypten das Leben nach dem Tod vorgestellt haben.

Kommentare


Es wurde ein Kommentar zu »Im Schatten der Pharaonen« abgegeben:


Gisela Krüll


Mi. 19. Januar 2011 | 20:01 Uhr

Ich bin erstaunt,daß jemand das Thema erwähnt"über die Leute "die, die Kunstwerke erschaffen haben. Danke für die Information.

Anmerkung des Tutanchamun-Ausstellungs-Teams
Liebe Frau Krüll, vielen Dank für Ihren Kommentar, der mir zeigt, dass ín unseren Museen in Deutschland in der Tat die Leute viel zu kurz kommen, die im alten Ägypten die Statuen und Gräber mit ihren wunderbaren Malereien schufen. Ein sehr interessantes Thema, zu dem ich, wie gesagt, vor einigen Jahren eine eigene kleine Ausstellung gemacht habe. Vielleicht gibt es mal eine Neuauflage dieses Projektes? Viele Grüße, Dr. Wolfgang Wettengel Tutanchamun - Sein Grab und die Schätze - Wissenschaftliche Leitung -



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