Lernen und Erziehung: Wie lief das im Alten Ägypten?

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mi. 28. Juli 2010 | 13:43 Uhr



Nach einem Vortrag über Hieroglyphenschrift wurde ich einmal gefragt, welche Art von Schulen es in Ägypten gegeben hat. In der Tat scheint es mir einmal sehr interessant, einen Blick in altägyptische Tempelschulen zu werfen. Waren die Lehrer streng? Hatten die Ägypter so etwas wie traditionelle Werte und Erziehungsideale?

Eines der Dokumente, das über Erziehung im Land am Nil Auskunft gibt, ist die fast 4000 Jahre alte Lehre des Cheti. Darin werden in übertriebener Weise die alltäglichen Berufe mit ihre Mühen ausgebreitet, um dann die Schüler letztlich für das Lernen zu motivieren. Hier eine Kostprobe dieser Lehre:

„Es geht nichts über die Bücher. (...)

Der Töpfer ist (bereits) unter der Erde, obwohl er noch lebt:
Er wühlt im Lehmboden mehr als ein Schwein,
um seine Töpfe brennen zu können.
Seine Kleidung ist steif von Dung,
sein Gürtel nur ein Fetzen.
Die (heiße) Luft bläst ihm ins Gesicht,
die geradewegs aus seinem Ofen kommt. ...“

Dann aber zieht Cheti sein Fazit:

„Merke: Es gibt keinen Beruf ohne einen Vorgesetzten,
außer dem Schreiber, der (nämlich) ist der Vorgesetzte!“

Rumhängen oder auf der Straße oder vor Gericht Streit suchen, das war auch damals ein nicht unbekanntes Phänomen. Dazu macht Cheti eine klare Ansage:

„Ich sage dir auch noch ganz andere Worte,
dich zu erziehen, damit du klug wirst,
wie hinzutreten ist auf den Platz, wo man streitet:
Geh nicht zu denen hin, die dort zanken.“

Ideale dieser Erziehung waren die Fähigkeit des Zuhörens und Schweigens, waren Pflichtgefühl und Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Selbstkontrolle. Traditionelle Überlieferungen und Lehren wurden hoch geachtet. Dies sollte der kommenden Generation Identität und kulturelle Sicherheit verschaffen.

Die Möglichkeit einer Ausbildung zu einem Schreiberberuf hatten im Gegensatz zu heute nicht mehr als 1 bis 2 % der Bevölkerung. Wer sich in der Tempelschule als faul und widerspenstig gebärdete, bei dem wurde, wie wir aus den altägyptischen Lebenslehren erfahren, durchaus handgreiflich nachgeholfen, ähnlich wie das bei uns noch viele erlebt haben. Erziehung im Land der Pharaonen war aus heutiger Sicht keineswegs antiautoritär. Man wusste genau, was man wollte und was nicht. Ging dieser Konsens einmal (vorübergehend) verloren, so waren alle gesellschaftlichen Schichten die Verlierer, wie wir aus der altägyptischen Literatur erfahren. Auch wenn man die Methoden dieser Erziehung heute nicht mehr akzeptieren kann, so erkennt man, dass grundlegende Inhalte ähnlich geblieben sind. Offenbar unterliegen Werte doch keinem so großen zeitlichen Wandel, wie heute immer wieder behauptet wird. Sie haben etwas mit dem menschlichen Zusammenleben zu tun. Immerhin hatte die ägyptische Hochkultur über Jahrtausende Bestand, was nicht so einfach von Tisch gewischt werden sollte.

Kommentare


Es wurde ein Kommentar zu »Lernen und Erziehung: Wie lief das im Alten Ägypten?« abgegeben:


Mia , 8 j.


So. 01. August 2010 | 09:54 Uhr

mir hat ihr video gut gefallen. Der text war gut verstendlich.



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Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung