Licht und Schöpfung

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Fr. 10. Juni 2011 | 11:56 Uhr



Wenn man folgende Zeilen liest, in der die Schönheit der Natur und die Macht des Lichts gepriesen werden, so denkt man unwillkürlich an den berühmten Sonnengesang (Il Cantico di Frate Sole), den der heilige Franz von Assisi vor etwa 800 Jahren verfasst hat:

„Wie schön erscheinst du im Horizont des Himmels,
du lebende Sonne, die zuerst existiert hat.
Du bist im Östlichen Land aufgegangen
und erleuchtest jedes Land mit deiner Schönheit.
Du bist schön und groß und funkelst über jedem Land. ...
Gehst du unter im westlichen Horizont,
so ist die Erde im Dunkel, als wäre sie tot. ...
Wenn du erscheinst und aufgehst im Horizont,
und als Sonne am Tag leuchtest,
so vertreibst du das Dunkel und schenkst deine Strahlen. ...
Alles Vieh ist zufrieden mit seinem Kraut.
Die Bäume und Kräuter grünen.
Die Vögel fliegen aus ihrem Nest und ihre Flügel preisen dich.
Alles Wild hüpft auf den Füßen,
alles, was fliegt und flattert, das lebt,
wenn du für sie aufgegangen bist. ...“

Doch ist dieses Lied über 2500 Jahre älter als die Zeit, in der Franz von Assisi gelebt hat. Es stammt aus Ägypten aus dem Neuen Reich, etwa 1350 v. Chr. Als Verfasser gilt Pharao Echnaton, Tutanchamuns Vater.

Der Inhalt des Liedes basiert auf älteren Sonnenhymnen, die man im Kult rezitiert hat und in ägyptischen Gräbern in Hieroglyphen aufgeschrieben finden kann. Texte wie diese lehren uns, dass die Menschen des Altertums den täglichen Sonnenaufgang und die mit den Strahlen des Lichts verbundene (tägliche) Erneuerung allen Lebens nie als selbstverständlich betrachtet haben, sondern als ein überirdisches Geschenk. Zum Vergleich hier noch ein Auszug aus dem Sonnengesang des heiligen Franziskus (um 1325 n. Chr.):

„Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
doch besonders durch Bruder Sonne.
Er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er, strahlend in großem Glanz,
vor Dir, o höchster, dein Sinnbild.“

Franz von Assisi kannte weder Echnaton, noch wusste er irgend etwas von dessen Sonnengesang. Beide aber hatten etwas, was ich bei vielen heute vermisse: Schlichten Sinn für die Schönheit der Natur. Und das Wissen, das alles, was täglich in der Natur geschieht, nicht einfach selbstverständlich geschieht.

Schöne Pfingstfeiertage wünscht Euch,
Euer
Dr. Wolfgang Wettengel

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Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung