Mumien mit Herzbeschwerden

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mo. 11. April 2011 | 18:29 Uhr



Landauf, landab hört man heute Klagen, dass viele Menschen in unserer modernen Zeit immer dicker werden. Damit einher geht auch ein hohes Risiko, recht früh an einer der sogenannten modernen Zivilisationskrankheiten zu erkranken, wie z.B. Herz- und Kreislaufbeschwerden, Arterienverkalkung, Bluthochdruck, etc. Sind diese unangenehmen Folgen des modernen Lebens tatsächlich so neu, frage ich mich?

Vor ein paar Tagen konnte man wieder mal lesen, dass es neue medizinische Untersuchungsergebnisse über Mumien geben soll. Durch sie erhalten wir Einblick in die alltäglichen Krankheiten der alten Ägypter. Aber auch diese Untersuchungen sind keineswegs so neu. Seit Jahren weiß man einiges um die körperliche Verfassung der alten Ägypter. Prof. Rühli, der kürzlich im Rahmen unseres Begleitprogramms in Köln einen Vortrag über die Mumie von König Tutanchamun hielt, könnte ganze Bücher darüber schreiben. Er hat im Rahmen des Swiss Mummy Project viel Erfahrung mit ägyptischen Mumien sammeln können. Die Ergebnisse, zu denen moderne Mediziner heute kommen, sind verblüffend.

So weiß man mittlerweile, dass die Menschen im alten Ägypten zu einem nicht geringen Anteil an Arterienverkalkung litten. Herz- und Kreislauferkrankungen waren an der Tagesordnung. Ein amerikanischer Forscher aus Kalifornien meinte dazu, dass diese Erkenntnis für die moderne Forschung neue Fragen aufwerfen soll. Hätten doch derartige Krankheiten bislang als moderne Zivilisationserscheinung gegolten. Ich meine, dass sich diese Fragen leicht beantworten lassen. Krankheiten wie diese sind meist eine typische Folge von allzu guter Ernährung. Allzu gut im Sinne von viel zu üppig. Und die Leute, die sich in Ägypten vor über 3000 Jahren mumifizieren ließen, gehörten der Oberschicht an. Ihr Speiseplan umfasste so ziemlich alles, was auch wir heute gerne mögen: Fleisch, Geflügel, Brot, Kuchen, Bier und Wein, um nur ein paar Sachen zu nennen. Der üppige Verzehr davon erklärt dann wohl auch die Herz- und Kreislauferkrankungen, an denen die alten Ägypter litten. Die Ursachen dafür sind ähnlich wie bei uns heute.

Und dazu kam – auch das kennen wir gut – vermutlich noch viel zu wenig körperliche Bewegung. Es gehörte in den oberen Schichten durchaus zum Guten Ton, sich so wenig wie möglich anzustrengen. Und ein vorbeugend wie ausgleichendes Fitnessprogramm wäre aus der Sicht vieler Ägypter wohl eher „uncool“ gewesen. Sportlich fit dagegen waren die frühen Könige der 18. Dynastie. Amenophis II. durchschoss „zum Vergnügen des ganzen Landes“ mit seinen Pfeilen eine Kupferplatte, wie uns eine Stele aus dem Tempel von Karnak berichtet, die heute im Garten des Ägyptischen Museums in Kairo zu sehen ist. Und im Laufen und Rudern soll es keinen gegeben haben, der sich mit dem König messen konnte.

Für alle Interessierten hier noch ein Hinweis: Am 4. Mai wird übrigens Dr. Carsten Pusch von der Universität Tübingen im Rahmen unseres Kölner Programmes das Thema fortsetzen und einen interessanten Vortrag über die neuere genetische Analyse der Mumie Tutanchamuns halten. Das Thema: „Tutanchamun und Familie – Leben und Leiden in der späten 18. Dynastie". Nähere Informationen dazu findet ihr auf unserer Webseite.

Diesen Beitrag Kommentieren


Verwenden Sie das folgende Formular, wenn Sie einen Kommentar zu diesem Artikel abgeben möchten.

Spamschutz: Bitte geben Sie den Code, den Sie in dem Bild links sehen in das Feld »Code« ein

Sicherheitscode
Kommentar speichern


Zurück zur Übersicht
Artikel-Liste zeigen

Dr. Wolfgang Wettengel



Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung