Pyramiden - eine gigantische Verschwendung an Arbeitskraft?

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Di. 03. August 2010 | 19:11 Uhr



Kaum ein Volk hat wohl mehr in kultische Bauwerke investiert wie die alten Ägypter. Da drängt sich für uns heute immer wieder die Frage auf, warum das so war. Welchen Sinn haben diese Bemühungen gehabt, war das nicht eine ungeheuere Verschwendung an volkswirtschaftlichen Produktivkräften, die man hätte viel „sinnvoller“ einsetzen können?

Aus heutiger Sicht mag das vielleicht so sein. Wir brauchen in der Tat keine Pyramiden mehr für Herrscher oder Politiker zu bauen. Das wäre Größenwahn. Doch sollte man es unterlassen, unsere Maßstäbe an frühere Kulturen anzulegen. Die Frage, was damals sinnvoll war, ist eine subjektive. Und nicht selten endet sie in gängelnder Herablassung, die gerne bemüht ist, genau zu wissen, was die Menschheit zu brauchen hat und was nicht.

Waren die Pyramiden eine ideelle Ausgeburt von Größenwahnsinnigen? Ich würde sagen, nein. Am Beginn einer Hochkulturphase sind ganz andere Maßstäbe anzusetzen als heute. Durch den Bau der Pyramiden bildete sich die Identität der Zivilisation am Nil heraus.

Um Projekte wie die Pyramiden in Szene zu setzen, bedarf es einiger Voraussetzungen. Zunächst brauchte man eine enorm leistungsfähige Wirtschaft. Alles, auch der Besitz der großen Tempel, war letztlich Eigentum der Pharaonen und somit eine Art Staatseigentum. Ein effektives Management der königlichen Verwaltung sorgte in normalen Zeiten dafür, dass alles gut funktionierende. Vom Königshaus mit seinen hohen Beamten und Priestergelehrten gingen seit der Frühzeit der Geschichte alle innovativen Maßnahmen aus, die zur Spezialisierung der Verwaltung, des Warenaustausches, zur Bildung immer komplexerer Berufsgruppen und insbesondere zur Verbesserungen der Landwirtschaft führten. Neue Anbaumethoden und Bewässerungstechniken brachten mehr Lebensmittel hervor, als die Bauern für sich selbst verbrauchten. Im Rahmen einer zentralen Vorratswirtschaft wurden immer mehr Handwerker und Künstler versorgt und Ernteüberschüsse aus guten Jahren in die Kornspeicher eingelagert. In Notzeiten hat man diese Überschüsse an die Bevölkerung verteilt. Während andere Völker bitter hungerten, wie man aus der biblischen Geschichte von Joseph und seinen Brüdern erfährt, waren die Kornspeicher Ägypten meist gut gefüllt.

Diese Wirtschaftskraft war Voraussetzung für gewaltige Bauprojekte. Wir müssen uns vorstellen, dass es in der Geschichte zuvor noch nie so ein großes Unternehmen gegeben hat. Nur mit Überschüssen an Gütern konnten derartige Vorhaben wie die Pyramiden in Angriff genommen und ein Heer von Arbeitern und Spezialisten versorgt werden.

Die Kraft, solch ungeheure Bauten zu errichten, speist sich dem tiefen Glauben der Menschen an ein Leben nach dem Tod. In diesem jenseitigem Leben spiegeln sich durchaus irdische Verhältnisse. Und hier hat sich in dieser Zeit einiges grundlegend verändert. Der Mensch der Vorgeschichte existierte noch unter anderen Verhältnissen als der Mensch der späteren Hochkultur. Ersterer war noch der Natur ausgeliefert. Mit dem Eintritt in die Phase einer gut organisierten Hochkultur möchte man auch im Jenseits die immensen Vorteile des neugewonnenen urbanen Lebens und einer guten Organisation mit gesicherten materiellen Verhältnissen nicht mehr missen. Es ging um Kontinuität, die weit über das Leben hinaus reicht. Deswegen sollte der Pharao in seiner Pyramide weiter regieren. Kraft einer entsprechenden Residenz, die sich im Pyramidenkomplex mit seinen Verwaltungsgebäuden manifestiert, sorgt er als Sonnengott über den Tod hinaus für Stabilität.

Kommentare


Es wurde ein Kommentar zu »Pyramiden - eine gigantische Verschwendung an Arbeitskraft?« abgegeben:


Dr. R. Voßwinkel


Di. 17. August 2010 | 17:00 Uhr

Die Gedanken zur eingangs gestellten Frage sind gut und prägnant dargestellt. Und wie es immer wieder ist: sie werfen weitere Fragen auf! Z.B. Fragen zum Umfang und zur Logistik der Versorgung solcher Massen von arbeitenden Menschen. War die Arbeit für die Menschen Frondienst oder freiwillig bezahlt? usw Können Sie Literatur empfehlen?

Anmerkung des Tutanchamun-Ausstellungs-Teams
Lieber Herr Dr. Voßwinkel, mit Verspätung, wie sie der Urlaubsmonat August mit sich bringt, habe ich mit Vergnügen Ihren interessierten Kommentar gelesen. In meinem Kurzbeitrag habe ich versucht, das Thema "Pyramiden" einmal anders, nämlich aus kulturwissenschaftlicher Sicht, zu beschreiben, und dabei - wie in anderen Beiträgen im Blog - einen Bogen zur heutigen Zeit gespannt. Das macht m. E. die Themen, die Ägypten bietet, erst so richtig interessant. Die Pyramiden sind in der Tat eine logistische Meisterleistung. Bezahlung in unserem Sinne gab es nicht. Aber wer an den Pyramiden arbeitete, wurde von der pharaonischen Verwaltung für damalige Verhältnisse recht gut versorgt. Sklaverei gab es am Pyramidenbau nicht, das ist eine moderne Erfindung. Es war eine Art von Staatsdienst, an dem allerdings alle ein Interesse hatten, da man in der ägyptischen Hochkultur Stabilität und Kontinuität über das Leben hinaus erwartete. Der ausgewiesene Fachmann zum Pyramidenbau ist übrigens Rainer Stadelmann, der lange für das Deutsche Archäologische Institut in Kairo federführend tätig war. Grundlegend dazu sein Werk: Die Ägyptischen Pyramiden. Vom Ziegelbau zum Weltwunder, 3. Auflage, 1997. Wenn Sie sich für Bautechniken an den Pyramiden interessieren, dann empfehle ich: Frank Müller-Römer, Pyramidenbau mit Rampen und Seilwinden: Ein Beitrag zur Bautechnik im Alten Reich. Dissertation, LMU München, 2008. Hiervon gibt es eine online - Version, die Sie über Wikipedia anklicken können. Ich hoffe, Ihnen behilflich gewesen zu sein, und verbleibe mit bestem Gruß Dr. Wolfgang Wettengel



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Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung