Söhne des Himmels

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mo. 05. Juli 2010 | 15:38 Uhr



Pharao ist der Sohn des Sonnengottes Re. Durch sein Amt verkörpert er die lebende Sonne auf Erden. Seine Regierung ist wie ein Abbild des Himmels. Im Tode aber kehrt Pharao in den Himmel zurück und „vereinigt sich mit dem, der ihn geschaffen hat,“ also mit dem Sonnengott. So erzählt es uns die fast 4000 Jahre alte Geschichte des Sinuhe.

Auch Tutanchamun wollte nach seinem Tod zum Himmel aufsteigen und zum Sonnengott werden. Als magisches Instrument dazu diente ihm neben einigen Grabbeigaben die Wandmalerei. Im kleinen Grab von Tutanchamun aber hatten nur wenige Szenen Platz. Wichtige Inhalte mussten folglich in einer überschaubaren Bildkomposition zum Ausdruck gebracht werden. Dies macht die Wandmalerei in der Sargkammer Tutanchamuns für mich besonders interessant. Manchmal genügt dem ägyptischen Künstler nur ein einziges Bild, manchmal sogar nur ein Detail, um eine ganze Geschichte zu erzählen. Ich möchte dies anhand einer zentralen Szene erklären. In ihr steht der König mit Stab, Keule und Lebensschlüssel (anch) vor der Himmelsgöttin Nut, die ihn mit einem schlichten rituellen Gestus begrüßt. Wer in Hamburg die Ausstellung besucht, wird dieses Bild, das ich heute als Objekt des Monats vorstellen möchte, sofort erkennen.

Wir kennen diese Göttin auch aus zahlreichen Darstellungen anderer Gräber. Nut ist als Himmelsgöttinnen eine der machtvollsten Figuren der ägyptischen Götterwelt. Mit ihrem Körper repräsentiert sie das gigantische Firmament. Nut ist auch eine Baumgöttin. Wie in vielen anderen alten Kulturen, so war auch in Ägypten der majestätische Baum ein Bild für den Kosmos. Nut galt als Mutter der Sonne, weil der Himmel an jedem Tag die Sonne neu „gebiert“. Und weil die Sonne täglich kreist, galt der Sonnengott Re dem verstorbenen König als Sinnbild des Ewigen, Hoffnung auf Unsterblichkeit.

Mit dem Bild der Begegnung von Tutanchamun und der Göttin Nut in der Sargkammer drückt der Künstler aus, dass der verstorbene Pharao im Jenseits bereits zum Sonnengott geworden ist. Er trifft seine Mutter Nut, den Himmel. Dieser soll ihn nun täglich neu gebären.

Nut war daher eine lebensspendende Macht. Der Himmel hatte aber auch – wie fast alles in der Natur – eine dunkle Kehrseite. Die Göttin verkörperte eine der gefährlichen Todesmächte im alten Ägypten. Denn jeden Abend, so zeigen uns Bilder dieser Göttin aus anderen Gräbern, verschlingt Nut am Westhorizont die Sonne, die damit untergeht – und stirbt! Im Leib der Göttin aber geschieht nachts das Wunder der Verwandlung: Nut, der Himmel, wird durch das Verschlucken der Sonne schwanger. Am Morgen wird der Sonnengott neu geboren. Damit erneuert sich der Tag, das Leben auf der Erde insgesamt. Insofern hat der Ägypter auch die dunkle Macht des Todes als notwendigen Teil eines höheren Planes zu akzeptieren gelernt.

Und er hat mit einem sehr hohen Grad von Sensibilität in einfachen wie in großartigen künstlerischen Bildern versucht, dem Lauf der Welt Sinn zu geben.

Diesen Beitrag Kommentieren


Verwenden Sie das folgende Formular, wenn Sie einen Kommentar zu diesem Artikel abgeben möchten.

Spamschutz: Bitte geben Sie den Code, den Sie in dem Bild links sehen in das Feld »Code« ein

Sicherheitscode
Kommentar speichern


Zurück zur Übersicht
Artikel-Liste zeigen

Dr. Wolfgang Wettengel



Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung