Tutanchamuns goldene Schreine: Geheimer Ort der Schöpfung und der Ewigkeit

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Di. 30. November 2010 | 15:06 Uhr



Wer unsere Ausstellung bereits besucht hat, dem ist aufgefallen, dass wir den goldenen Schreinen und den Särgen mit der Mumifizierung sowohl in der Präsentation der Objekte als auch in den grafischen Texten und in unserem neuen Audioguide eine ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es braucht nicht betont zu werden, dass dieses großartige Ensemble weltweit absolut einzigartig ist. Nirgendwo sonst kann man nur annähernd Vergleichbares sehen, und nirgendwo sonst erfährt man mehr über das geheime Wissen der Ägypter wie hier. Als Ägyptologe kann ich sagen, dass die Bedeutung der Schreine nur in unsere Ausstellung verständlich vermittelt werden kann, weil es uns möglich ist, diese vier Objekte zusammenhängend zu präsentieren. Und weil wir die Schreine nicht nur beschreiben, sondern erstmals in ihrer komplexen Funktion, ihrem Zusammenwirken, betrachten.

Das Grab des Tutanchamun ist das einzige Königsgrab aus der Zeit des Neuen Reiches überhaupt, das uns neben den Wandmalereien anderer Königsgräber Einblick in das Wissen der alten Ägypter über den Lauf der Ewigkeit gibt. Alle anderen Gräber der Pharaonen im „Tal der Könige“ wurden von Grabräubern im Lauf der Jahrhunderte ausgeraubt. Bei der Vielfalt der über 5000 Objekte, die das Grab des Tutanchamun enthielt, fragt man sich allerdings: Was ist das Wesentliche, was ist der Kern der unüberschaubaren Anzahl der Grabbeigaben? Das Zentrum der Bestattung des Königs bilden die Mumie mit den Särgen und den Schreinen. Diese Schreine sind, kurz gesagt, eine Art Mechanismus für die Auferstehung des Königs und seiner ewigen Existenz am Himmel. Das einmal zu betrachten, ist spannend, ein absolutes Highlight nicht nur für wissenschaftlich arbeitende Ägyptologen, sondern auch für alle Fans einer esoterischen Ägyptologie, die schon immer vermuteten, dass die Ägypter in wesentlichen Fragen vielleicht mehr Antworten wussten als wir.

Um etwas darüber zu erfahren, gehen wir vom Zentrum der Bestattung aus. Inmitten der Schreine und des steinernen Sarkophags ruhen die drei mumienförmigen Särge mit der Mumie des Königs. Sie bilden die unvergänglichen Körper Tutanchamuns. Das Gold der Särge symbolisiert einen König, der sich bereits in die leuchtende (goldene) Sonne verwandelt hat. Um die konsequente Ausgestaltung dieses Gedankens geht es bei den ineinander verschachtelten Schreinen. Ihre Abfolge bildet gewissermaßen einen Weg. Dazu möchte ich ein paar Gedanken vorausschicken und kurz auf die Götter Re und Osiris eingehen.

Sensible Beobachtung der Natur lehrte die alten Ägypter schon vor Jahrtausenden, dass alles Leben im Kosmos ewigen Kreisläufen unterliegt. Am Ende eines jeden Kreislaufes stehen Vergänglichkeit, Zerfall und Tod. Diese Erkenntnis ist die stärkste Herausforderung für uns Menschen, daher die großen Anstrengungen der Ägypter für das Leben nach dem Tod. Die höchste Realität natürlicher Kreisläufe, die Menschen beobachten können, sind die täglich erscheinende Sonne und der Lauf der Jahreszeiten, verkörpert in den Göttern Re (Sonne) und Osiris (Erde, Natur, Nilwasser und Pflanzen). In ihre Rolle schlüpfte im alten Ägypten der verstorbene Mensch, um ewig existieren zu können. Damit wird bereits eines deutlich: Das Leben nach dem Tod war für die Ägypter kein statischer Zustand, sondern ein Zustand der steten Wandlung.

Um genau dies geht es bei den vier ineinander gestellten Schreinen Tutanchamuns. In den inneren drei geht es um Schöpfung, Vergänglichkeit, Tod und neue Schöpfung. Der äußerste große Schrein stellt dagegen eine Festhalle dar, in welcher das himmlische Königtum Tutanchamuns immer wieder erneuert wird – bis ans Ende der Zeit.

Kommentare


Es wurde ein Kommentar zu »Tutanchamuns goldene Schreine: Geheimer Ort der Schöpfung und der Ewigkeit« abgegeben:


Georg Volz


Di. 27. Dezember 2011 | 16:11 Uhr

Frage: wie wurden die Schreine aufgebaut, von außen nach innen oder umgekehrt ?

Anmerkung des Tutanchamun-Ausstellungs-Teams
Sehr geehrter Herr Volz, als erstes wurde der steinerne Srkophag in die Mitte der Kammer gestellt, dann die inneren Särge mit derhineingelegt. Erst danach konnten die Schreine eingebaut werden, und zwar von innen nach außen. Herzliche Grüße, Ihr Dr. Wolfgang Wettengel



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