Unser Objekt des Monats: Tutanchamuns Kinderstuhl

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Do. 27. Mai 2010 | 11:12 Uhr



Als Howard Carter, Lord Carnarvon und seine Tochter Lady Evelyn Ende November 1922 das erste Mal einen Blick in die Vorkammer des Grabes von Tutanchamun geworfen haben, waren die drei zunächst völlig überwältigt. Niemand ahnte vorher, was einem jungen und scheinbar unbedeutenden Pharao für die Reise ins Jenseits mit ins Grab gegeben worden ist. Auf den zweiten Blick erst erkennt Carter Einzelheiten und schildert eine Fülle von Eindrücken, die er 1924 in seinem Entdeckerband veröffentlicht hat.

Ein Objekt aus der Vorkammer hat ihn im Chaos der aufgestapelten Gegenstände besonders berührt. Es ist ein nicht besonders auffälliger, aber sehr hübsch gearbeiteter Stuhl aus schwarzem Ebenholz, mit Elfenbeineinlagen und mit dezenten Vergoldungen an den beiden Seitenteilen, auf denen Pflanzen und Gazellen dargestellt sind. Nun sind die Throne, Stühle und Hocker, die man im Grab gefunden hat, allesamt aus kostbarem Material, vor allem der berühmte Goldene Thron des Pharao. Einige dieser Möbel sind dabei in einem Design gehalten, das völlig zeitlos erscheint. Dazu perfekt gearbeitet!

Dieser kleine und schlichte Stuhl aber hat auch uns tief berührt, als wir ihn zum ersten Mal gesehen haben. Deswegen möchten wir ihn heute gerne als unser Objekt des Monats vorstellen. Es handelt sich um eines jener Möbel aus dem Grabschatz, das Tutanchamun tatsächlich benutzt hat. Manche Beigaben haben eine rein religiös-kultische Funktion im Totenkult der Ägypter. Sie wurden nur für das Jenseits angefertigt. Zu ihnen gehören z.B. die drei großen Ritualbetten aus der Vorkammer mit den geheimnisvollen Tierköpfen. Über die Bedeutung dieser seltsamen Betten aber möchte ich ein andermal berichten.

Was ist das Besondere an diesem unscheinbaren Stuhl? Schon allein die Tatsache, dass es ihn nach 3300 Jahren noch gibt, wäre an sich schon eine Sensation. Ein Zeugnis einer Kultur aus ferner Vergangenheit, der das Sitzen auf einem Stuhl als Zeichen von Herrschaft und höchster Kultiviertheit galt. Was die Entdecker bewegte und auch uns heute noch berührt aber ist: Der an sich unauffällige Stuhl hat noch Kindergröße! Kein Erwachsener kann auf ihm Platz nehmen. Auf ihm saß vor über 3300 Jahren ein kleiner Junge. Sein Name war Tutanchamun, damals vielleicht gerade erst sechs oder sieben Jahre alt, noch nicht König und mächtigster Herrscher der Welt. Dieser kleine Stuhl steht für die Kindheit eines Pharao, über die wir fast nichts wissen. Vielleicht war sie unbeschwert, wie die vieler Kindern aus wohlhabenden Familien, vielleicht aber standen über ihr drohend die düsteren Schatten der Folgen der gesellschaftlichen Erschütterungen, die Tutanchamuns Vater Echnaton ausgelöst hatte und die ganz Ägypten aus der Bahn geworfen haben. Tutanchamun hat als Kind in einer Zeit gelebt, in der Weltgeschichte geschrieben wird.

Als Pharao musste der junge König ein schweres Erbe antreten. Er sollte das Gleichgewicht und die Stabilität einer gesamten Gesellschaft wiederherstellen. Eine Aufgabe, die so zeitlos, so wichtig und aktuell ist wie heute.

Kommentare


Es wurde ein Kommentar zu »Unser Objekt des Monats: Tutanchamuns Kinderstuhl« abgegeben:


Dr. Gabriela Swoboda-Asmera


Mi. 03. November 2010 | 19:04 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Wettengel! Nach unserer aufregenden Wiener Tutanchamun-Ausstellung verfolge ich seit einiger Zeit die Reise der Grab-Ausstellung. Ihr Beitrag zum Stuhl des Kindes hat mir nun noch mehr Lust auf eine baldige Reise nach Köln gemacht. Ja, Tutanchamun lebte in einer spannenden Wendezeit! Die Sicht auf das Kind Tut hat mich berührt ... Als Historikerin, die im Schulbuchbereich tätig ist, bin ich auch beruflich immer wieder mit Tutanchamun konfrontiert. Nun hätte ich eine große Bitte. Wir sind auf der Suche nach einem tollen Bild der Rekonstruktion der Vorkammer, wie sie in der Ausstellung gezeigt wird. Das Bild sollte die Kinder zum Entdecken anregen und Lust aufs Schauen machen und aufs Raten, was man da sieht und wofür es gut gewesen sein könnte. Bisher wurden mir nur dunkle Fotos zugänglich auf denen man auch kaum Details erkennen kann. Vielleicht könnten Sie uns weiterhelfen? Mit freundlichen Grüßen aus Wien Gabriela Swoboda-Asmera



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Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung