Autor: Dr. Kersten Knipp Fr. 20. Januar 2012 | 17:13 Uhr
Man muss nicht alles auf den Islam beziehen. Kulturen haben auch dann ihren Wert, wenn sie nicht auf den Propheten zurückgehen. Auch die altägyptische Zeit ist eine Ära von eigener Würde, und es wäre anmaßend, sie um jeden Preis mit den Lehren des Koran in Verbindung zubringen. Verzichten wir also darauf, die Vergangenheit umzudeuten, nur um die Religion in frischem, doch falschem Glanz erstrahlen zu lassen. Als der Schriftsteller Taha Hussein 1926 seinen Essay über „Vorislamische Dichtung“ veröffentlichte, löste er eine Debatte aus, die in Ägypten bis heute nicht abgeschlossen ist, und deren Spuren auch noch im „arabischen Frühling“ durchschimmern. Denn Hussein griff eine Frage auf, die die Ägypter beschäftigt, seit sie vor gut 200 Jahren erstmals Bekanntschaft mit den europäischen Kolonialmächten machten: Wer sind wir? An der Drehscheibe dreier Kontinente – Asien, Afrika, Europa – gelegen, hatte das Land seit jeher eine vielfältige, bunte Kultur gepflegt. Dann aber kam der Islam, und die Ägypter definierten sich vorwiegend durch ihn. Andere Traditionen galten bestenfalls als marginal. Das mochte Hussein so nicht hinnehmen und stellte ein paar ketzerische Fragen: Ist der Islam in der Lage, das Land in die Zukunft zu führen? Und leugnet, wer sich ausschließlich auf ihn beruft, nicht alle anderen, auch die großen vorislamischen Traditionen? Husseins Überlegungen provozierten manche seiner Landsleute unendlich. Die Demonstranten auf dem Tahrir Platz hingegen beantworteten sie auf eindeutige Weise: Nein, Ägypten kennt keineswegs nur den Islam. Das Land ist bunt. Und vor allem kennt es auch eine starke säkulare Tradition. Eine Ausstellung wie „Tutanchamun – Sein Grab und seine Schätze“ hätte der 1973 verstorbene Hussein wohl ausgesprochen gern besucht. Er hätte zwar nicht sehen – er erblindete im Alter von drei Jahren –, wohl aber spüren können, dass die pharaonische Kunst neben der von ihm bewunderten vorislamischen Dichtung auf wunderbare Weise die kulturelle Vielfalt seines Landes dokumentiert. Ebenso hätten ihm wohl auch die Arbeiten jener Künstler und Autoren gefallen, die sich im Rahmen der Ausstellung nun auch dem deutschen Publikum vorstellen. Denn wie er wenden auch sie sich gegen alle Versuche, Ägypten kulturell und ideell einzuengen, das Land auf eine Ideologie oder Tradition auf Kosten aller anderen zu verpflichten. Zu den großen Repräsentanten dieser offenen Kultur lässt sich auch Nagib Machfus rechnen, der bislang einzige ägyptische Nobelpreisträger für Literatur, dessen 100. Geburtstag das Land im vergangenen Dezember feierte. Wie Hussein verfocht Machfus einen radikalen Pluralismus, der sich ausschließlich an dem orientierte, was der Fall war – und der Fall, das zeigt auch sein eben veröffentlichter Roman „Das junge Kairo“, war eine korrupte, abgeschlossenen Oberschicht, an der die weniger begüterte Jugend sich abarbeitete unter Rückgriff auf alle nur denkbaren Ideologien. „Leidenschaftlich vertrat er Sozialreformen und träumte vom Paradies auf Erden“, schreibt Machfus über einen seiner Protagonisten. „Er studierte gesellschaftswissenschaftliche Theorien, und schließlich nannte er sich gern einen Sozialisten. So endete sein geistiger Rundgang, der in Mekka begonnen hatten, in Moskau.“ Ein weiter Weg also, auf dem er auch auf eine Frau trifft. Heiraten? Na klar. Was eine Eheschließung hingegen aus der Perspektive heutiger junger Ägypterinnen bedeutet, verrät die Bloggerin Ghada Abdelaal, die aus ihrem Erzählband „Ich will heiraten“ liest. Aus ihm kann man lernen: Heiraten ist in Ägypten vornehmste Frauenpflicht. „Wenn das Mädchen zwei, drei Jahre nach dem Uniabschluss unverlobt bleibt, gilt sie schon als alte Jungfer! Ich persönlich“, verrät Abdelaal nicht ohne Augenzwinkern, „hatte mit 23 Jahren das Gefühl, zum Ladenhüter zu werden.“ Andere Autoren legen auf gesellschaftliche Normen weniger Wert. Yasser Abdul Latif etwa, der, wenn er in den Spiegel schaut, vor allem Masken sieht. Doch verbirgt sich hinter ihnen überhaupt eine feste Identität? Oder ist diese bloß eine Chimäre? Chimären sind womöglich auch die seltsam geschriebenen Texte, auf die der Autor Mohamed Rabie seinen Protagonisten in den Abgründen einer Kairoer Buchhandlung stoßen lässt. Deren Sinn lässt sich zwar nicht so leicht festmachen. Aber dafür bieten sie den Charme des Konjunktivs, das Spiels mit unendlich vielen Deutungsmöglichkeiten und Optionen. Um die Freiheit des Denkens ging und geht es auch den Demonstranten vom Tahrir-Platz. Für ihre Zwecke nutzten sie virtuos das Internet. „From Facebook to Nassbook“ heißt eine Ausstellung ägyptischer Künstler, die sich vom arabischen Frühling und dessen Vorgeschichte haben inspirieren lassen. „Nassbook“, das geht zurück auf das Wort „Nass“, arabisch für „Leute“. Der Künstler Khaled Hafez holt Figuren der altägyptischen Mythologie in die Realität des heutigen Kairo. So etwa die Figur des Anubis, der die Verstorbenen ins Jenseits beleitete. Trotz oder wegen seiner markanten Figur – er erscheint als Schakal mit langer, nach vorne gestreckter Schnauze – ist er heute nur noch ein Emblem, flüchtiges Ornament in einer spätkapitalistischen Konsumwelt, gut etwa zur Verzierung der weit verbreiteten shopping malls. Was aber stellt dieses Spiel mit Ornamenten dar, fragt Hafez: Feiert es die postmoderne Lust am Experiment? Oder bringt es eine einst von allen verstandene Symbolsprache schamlos auf den Hund? Zumindest die Europäer nehmen diese Symbole noch ernst – zu ernst, würde der Künstler Adel el Siwi sagen. In seiner Bilderreihe „Occidentalism“ hält er eine Reihe aus ägyptischen Augen typisch westlicher Figuren fest. Dazu gehört etwa der Alternativtourist: Schulterlange Haare, das gestrickte Käppi auf dem Kopf, in quer-gestreiftem T-Shirt und knielanger Jeans, den Reiseführer in der Hosentasche, in der linken Hand eine Wasserflasche, ist er der Archetyp des postmodernen Sinnsuchers, der in Ägypten auf was auch immer hoffen mag: auf Erweckungserlebnisse durch den Islam, die Kultur der Pharaonenzeit oder schlicht die Schönheiten der mediterranen Welt. Ein spätmoderner Träumer, der in Ägypten auf vieles stoßen mag, nur auf eines nicht: die Welt der „Nass“, der Leute auf der berühmten „arabischen Straße“. Die können nun vieles: lachen, wie etwa die ägyptischen Comedians Rams Boraie, High on Body fat und andere zeigen. Sich für Rockmusik wie die der Gruppe „Massar Egbari“ begeistern. Aber die Leute von der Straße können auch Rollenbilder hinterfragen oder die Gesetze der Gesellschaft, in der sie leben. Und wenn die ihnen nicht mehr hinnehmbar erscheinen, dann treten sie, wie auch die Journalistin Kristina Bergmann in ihrem Buch zeigt, zur Revolution an. Deren Geist trägt der arabische Frühling nun auch nach Frankfurt.
Herzlichst, Ihr Dr. Kersten Knipp - Gastautor für die Ausstellung Tutanchamun -
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