Wie die alten Ägypter Geschichte darstellten
Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mo. 28. Juni 2010 | 11:27 Uhr
Jede Epoche hat ihre eigene Geschichtsschreibung. Diese ist immer kulturbedingt. Schwierig ist es, sich in die Denkweise von Menschen aus früheren Epochen zu versetzen. Das, was wir zu wissen glauben, ist oft viel mehr eine Projektion, eine Vorstellung also, die wir gerne aus heutiger Sicht über die Vergangenheit zu machen pflegen, die aber oft nur wenig der Realität entspricht. Das Mittelalter, das ist nach landläufiger Meinung eine dunkle Ära. Unsere Zeit dagegen erscheint uns sehr gerne in hellem Glanz der Vernunft. Das dem nicht so ist, beweisen allein die simplen Fakten: Nie sind z. B. im „dunklen“ Mittelalter im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung auch nur annähernd so viele Menschen gewaltsam zu Tode gekommen, als dies beispielweise im „aufgeklärten“ 20. Jahrhundert der Fall war.
Es geht mir heute darum zu zeigen, wie sehr sich Einstellung und Denken der Menschen in den verschiedenen Kulturen und Zeiten unterscheiden. Wie der gebildete Mensch im alten Ägypten die Frage nach dem Sinn gestellt hat, darüber habe ich kürzlich in einem Blog über die als Gottheit verehrte Sonne geschrieben. Für die Ägypter war Licht ein Bild der Schöpfung, aber auch ein Symbol des kreativen Geistes, der in uns Menschen wohnt. Die Unterschiede der Kulturen im Denken aber sind viel tiefgreifender. Man sieht dies vor allem in der Art und Weise, wie die Ägypter zur Pharaonenzeit sich selbst, ihre eigene Geschichte, betrachtet haben.
Natürlich gab es damals die Tendenz, Ereignisse propagandistisch auszuschlachten oder geschönt darzustellen, was wir vor allem aus der Berichterstattung der ägyptischen Könige über ihre Schlachten kennen. In diesem Punkt mag sich nicht sehr viel zu heute geändert haben. Der Lauf der Geschichte insgesamt aber – das war für die alten Ägypter und ihre Gelehrten kein Ablauf von singulären Ereignissen, die zeitlich nacheinander stattfinden. Geschichte war vielmehr wie eine Art Zyklus, der sich stets wiederholt.
Um das zu verstehen, müssen wir wieder einen Blick in den Lauf der Natur werfen. Jeder Tag war für den Ägypter ein abgeschlossenes, wiederkehrendes „geschichtliches“ Ereignis: Am Morgen entstand der Sonnengott immer wieder neu, er wurde als Kind am Osthimmel wiedergeboren, nahm in Lauf des Tages an Kraft zu und wurde am Abend alt und schwach. Dann trat er, so wie auch die Menschen am Ende ihres Lebens, in die Unterwelt ein. Am nächsten Tag begann der gleiche Zyklus der Sonne wieder von neuem. Dies wurde im Kult entsprechend zelebriert. Auch das Jahr ist ein Zyklus. Und ganz ähnlich verhält es sich mit der Lebenszeit der Menschen, der Tiere, der Pflanzen, oder dem regelmäßigen Steigen und Fallen des Nils in der Überschwemmungsphase eines jeden Jahres. Alles verläuft in Kreisen, selbst die Regierungszeit eines Königs beginnt und endet. Und das Königtum der lebenden Sonne auf Erden war für den Ägypter gewissermaßen der Pulsschlag der Geschichte. Deswegen wurden Königsnamen in ovale Kreise, die wir heute Kartuschen nennen, eingeschrieben. Und nur deswegen gab es Königslisten wie im Tempel des Gottes Osiris in Abydos, die den Historikern von heute sehr nützlich sind.
Die Pharaonen kannten also eine ganz andere Geschichtsschreibung wie wir. Geschichte verlief in wiederkehrenden Zyklen. In diesem Denken erschienen einzelne Ereignisse eher suspekt. Was aus der Reihe der Rhythmen tanzte und was wir in unserem linearen geschichtlichen Denken gerne als besondere Ereignisse festhalten, bedeutete für die alten Ägypter meist nichts Gutes: Handelt es sich dabei doch meist um Kriege Seuchen, Erdbeben, Hungersnöte – oder um Schicksalsschläge wie Tod oder Unglück. Und so was schrieb man ungern auf.
Nur, wenn alles seinen klaren Gang ging, wie man das vorbildlich im regelmäßigen Lauf der Natur beobachten konnte, dann war die Welt für den alten Ägypter in Ordnung. In der Gesellschaft wie im Leben eines jeden Menschen sollte das so sein.
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