Wie ein Mythos entsteht

Autor: Dr. Wolfgang Wettengel
Mon. 13. December 2010 | 19:47 Uhr



Vergangene Woche stellte eine junge Studentin eine jener häufigen Fragen, von der man als Ägyptologe meint, dass die Antwort eigentlich recht simpel sein sollte:

Warum ist ein Pharao wie Tutanchamun, der nicht einmal lange regieren konnte und der von seinen Nachfolgern sogar aus den Annalen der ägyptischen Geschichte getilgt wurde, heute so berühmt geworden?

Die Frage nach den Gründen für die Berühmtheit des jungen Königs hat es bei genauerer Betrachtung in sich. Darüber könnte man eine kleine soziologisch-psychologische Abhandlung schreiben, denn das geht weit über das Phänomen „Tutanchamun“ hinaus. Versuchen wir mal einfach und kurz, eine Antwort zu finden. Für Tutanchamuns heutigen Ruhm gibt es mehrere Ursachen, die in der Person des Königs wie in einem Brennpunkt zusammenlaufen. Im Vorwort meines Buches „Mythos Tutanchamun“, habe ich vor einigen Jahren mal versucht, das Geheimnis des Erfolges etwas salopp zu beschreiben, und zwar mit den Sätzen aus einem schon älteren, fiktiven Interview der Zeitschrift „New Yorker“, anlässlich der früheren Tournee des Schatzes. Interviewpartner ist „Seine königliche Hoheit Tutanchamun“. Er spricht in heutiger Sprache, über sich selbst und über das Geheimnis seines Erfolges. Und das klingt dann so: „Es geht um Gold, Mann. Gold ist die Hauptsache, aber nicht alles. Das Zeug ist alt, Mann. Zeitlos. Und dann ist da natürlich noch die Mumiengeschichte und die Fluchgeschichte. Wir haben eine Menge, die für uns spricht.“

Was fasziniert, das ist zunächst einmal die spannende Geschichte um die Person des Ausgräbers Howard Carter. Seine lange Suche nach dem verschollenen Grab klingt eher wie ein Abenteuerroman aus der Feder eines talentierten Schriftstellers als ein Stück realer Wissenschaftsgeschichte: Carter hatte nach Misserfolgen am Ende als einziger an sein Glück geglaubt. Auf die Entdeckung des Grabes folgte schließlich ein immenser Rummel, ein erster weltweiter Medienhype, ausgelöst durch die Faszination des Schatzes, aber auch durch Lord Carnarvons geschickt inszenierte Pressearbeit. Und das Gold übt natürlich seit je eine ungebrochene Faszination aus. Aber dazu kamen nach dem mysteriösen Tod von Lord Carnarvon die ominösen Geschichten um den Fluch des Pharao. Und last not least fasziniert uns heute die geheimnisvolle Regentschaft eines Kindkönigs, der in schwierigen Zeiten viel zu jung auf den Thron gekommenen war und viel zu früh verstarb. Tutanchamun und seine Berater mussten all die gesellschaftlichen Unruhen wieder ausgleichen, die durch seinen Vater, den Ketzerkönig Echnaton, ausgelöst worden waren. Um den Tod und die Mumie des jungen Pharao ranken sich bis heute Legenden. War es Mord, oder war es ein Unfall, oder raffte ihn eine schwere Krankheit dahin?

Die Entdeckung des Schatzes fiel zudem in eine Epoche, in der die Schönheit der Objekte ganz besonders geschätzt wurden: Es war die feingeistige Zeit des späten Jugendstils und des Art Dèco in den krisenhaften, nervösen Zwanziger Jahren. Damals hatte man, wie der Ägyptologe Jan Assmann in einem sehr interessanten Aufsatz in meinem oben erwähnten Buch geschrieben hat, eine besondere Sensibilität für den verfeinerten Kunststil der Schätze aus dem Grab entwickelt. Vor allem die Schönheit der Schmuckstücke regte das moderne Kunsthandwerk an. Inspiriert von den Kunstwerken aus dem Grab entstanden zauberhafte Schmuckstücke in einem eigentümlich ägyptisierenden Stil, die heute schon zum Teil recht beachtlichen Sammlerwert besitzen.

Auch dies förderte natürlich Tutanchamuns heutigen Ruhm. In der Tat dürfte der Name einiger Pharaonen heute weltweit bekannter sein als der Name von berühmten zeitgenössischen Politikern. Damit haben die Pharaonen im Grunde ihr Ziel erreicht, nämlich Unsterblichkeit. Denn die gibt es laut dem Glauben der alten Ägypter nur, wenn der Name eines Menschen in der Nachwelt unvergänglich bleibt. Das ist bei Tutanchamun mit Sicherheit der Fall.

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